Tag Archives: Volker Strübing

Der Showrandale 50. Jubliäum: Das war das T.o.R Best-Of mit Volker Strübing

Markus Koschuh und Stefan Abermann

Im schnelllebig dahinfetzenden Zirkus der Popkultur, deren Teil Text ohne Reiter selbstverständlich ist, um die Fahne avancierter Sprachkunst hochzuhalten und dabei dennoch hip und jung zu wirken, trotz aller durchgezechter Nächte, die auf der dunklen Seite der Unterhaltungskultur mit versifften Bars und zerstörten Hotelzimmer harren, den in Cäsarenmanier damoklesschneidig über den Häuptern schwebenden Meinungen a la Dieter Bohlen ausgeliefert, in diesem Casting-Irrsinn, die unsre Gegenwart geworden ist, gibt es Westösterreichs erfolgreichste, da einzige, Lesebühne nun tatsächlich bereits seit 5 Saisonen. Mitte Juni wurde das Jubiläum der 50. Show mit einem Special-Bestof begangen, seit sage und schreibe 50 Shows stehen die vier Stammleser also gemeinsam auf der Bühne, eine Zeit, die in den Memoiren der vier Jubilaren noch in all ihrer seifenoperettenartiger Tragik entlarvt werden wird. Ähnlich Raymond Roussel, dem Dichter des Abends, gondeln wir bis dahin im imaginären Gefährt der Bühnenperformanz weiter durch die Lande, nach der Saison ist vor der Saison, wie wir beim spätnächtlichem Zuprosten gerne abgeklärt zu sagen pflegen, wir blicken erfreut nach vorn, auf mindestens weitere 5 Saisonen, voller Exzess, Erfolg und den Schattenseiten des Ruhmes.

Wahrer Star des Abends war sowieso Susanne, schenkte sie doch in der Nacht zuvor Stefan Abermann einen Sohn und gewährte unsrer Lesebühne dadurch ihren biologischen Fortbestand. Auch an dieser Stelle seien dem nunmehrigen Elternpaar die herzlichsten Glückwünsche übermittelt! (Über andere Geschehnisse, die das weite Spektrum des Kreislaufs von Leben und Tod anhand der vier Stammautoren verdeutlichten und von neuen Liebschaften bis hin zu per Spinnenbiß induzierten Schwellungen an delikaten Stellen reichten, soll der dezente Mantel des Schweigens gebreitet werden). Es war auf jeden Fall einiges geboten, auch abseits der Bühne lag ein geschichtsträchtiger Tag, zum 50. Mal glommen die Scheinwerfer auf, füllte das Publikum gleichsam in Jubiläumslaune und massenhaft das Moustache, niemanden interessierte die EM, was zählte war einzig der dargebotene Cocktail aus Best-Of und neuen Texten, ein Feuerwerk an Tragödie, Witz, Lüge, Märchen, Weisheit, Antike, Gesang, Oden und einer alkoholischen Mischung aus Bier, Haxenspreizern, Champagner und saurem Radler.

Volker Strübing

Zum Jubiläum ließen wir uns selbstverständlich nicht lumpen, und weil wir selbst mit 50 noch vom Besten lernen können, kam eben dieser aus Berlin gerauscht, ein Lehrmeister der Slam-Performanz, dessen Legendenstatus nicht näher erwähnt werden braucht, dank des schnittig-enganliegenden Beinkleides jedoch sicherlich noch ein paar Schippchen zugelegt haben wird: Volker Strübing. Unser Ehrengast bereicherte den bereits mit Höhepunkten gesegneten Abend mit den Träumereien eines Mannes, der in einer A-388 Boing inklusive Bordbistro kurz vorm Absturz eine Cafe Latte bezahlen will, um, nach der Rettung ins Morgenerwachen, mit partnerschaftlichen Verfehlungen konfrontiert zu werden, die er im Traum seiner neben ihm schlafenden Freundin beging. Diese lynchesk verflochtenen Schlaflabyrinthe führten zu einer ausverkauften Tiefkühlpizza Vegetaria, deren Konsumverweigerung samt Kassaschlange und SUVs fahrenden Bioladenliebhaber, die auch Kinder äßen, wären die Kleinen denn bio und aus Bodenhaltung, den Wandel zum Massenmörder auslöste. Strübings Textvorträge gruben tief in den Abgründen unsrer Welt, entlarvten ein „Ich liebe dich“ als hohlen Pathos, “manche Menschen sind häßlicher als du“ wurde auch nicht durch den Liebesvergleich mit einer Stinkmorchel wettgemacht, selbst „Der einzige Grund dich zu lieben ist Mitleid“ riss den Erzähler nicht aus dem Streitgespräch, welches dieser im Badezimmer mit einer besonderen, ihm sehr nahe stehenden Person führte. Tiepräparatorin Kathi kämpfte mit Kadavern, Autos und einer verrücktgewordenen, äußerst aggressiven Katze und als Zugabe bot Strübing einen mitreißenden Anti-Sommer-Protestsong, in Punkrockmanier und zornig aufgestampft wurde gegen die Sonne skandiert und die scheißgrünen Blätter von den Bäumen gerissen. Eigentlich hätten wir ja ein noch besseres, triumphaleres Jubliäum bieten müssen, um Strübings Können gerecht zu werden, das Publikum jedenfalls war hingerissen und füllte den Raum mit Vivat-Schreien und hochgeworfenen Hüten, deren Schmuckbänder und Auhahnfedern lustig flatterten.

Stefan Abermann, müde und glücklich ob der vergangenen Nacht, gab einen Klassiker charmanter Bühnenliteratur zum Besten, mit welchen wir noch unser Altenteil verschönern werden, nämlich den Nachbericht einer Schulklasse, die per Lehrerbefehl unsrer illustren Runde beiwohnen musste (true story), aufgrund pubertärer Hormonverschiebungen und deshalb andersweitig gelagerter Konzentration im Cafe “Text ohne Reiter” die Gruppe “Moustache” sah, drei gutaussehende junge Männer, und ein vierter, der auch nett war. Als Draufgabe zeichnete Abermann abgeklärt und doch romantisch den Verlauf von Beziehungen nach, die nach Sexrausch und Alltagsstumpfsinn textlich im – die Inspirationsquelle liegt nahe – Kind münden, eine Ausgeburt an Zweifel und natürlichem Misstrauen, die dem Vater nicht einmal glauben will, dass ein Regenbogen erscheine, wenn ein Einhorn in hohem Bogen auf einen Baum pisse.

Robert Prosser mischte Hip Hop und Hermaphrodismus zum Zwittertext, aus Ovids Fabelgrotte schwappte ein Mann Ende Dreißig, der als vom Deutschrap a la Mongo Clikke übriggebliebenes Strandgut damit hadert, dass die einstmals straßentaugliche Rap-Credibility zunehmend weichgespülter Popfirlefanz wird, während also die Nymphe Salmakis dem badenden Jüngling nachstellte und die von den Göttern des Olymp erflehte ewigwährende Verschmelzung wortwörtlich zweigeschlechtlich serviert bekam, wird in der Gegenwart Gras verkauft und Sudoku gerätselt, von Fragen der Realness und Antike über Methadon und Vergewaltung gings simsalabling zum Best of Prosser, nämlich einer mithilfe des Skeleton Dance Disney-Videos vorgetragenen, gesungenen Totenrede. Das Glas erhoben und ohne Mikro, dafür lauthals und schwankend gebärdete sich Prosser, als wäre er auf einer der irischen Totenfeiern aus The Wire zu Gast.

Markus Koschuh, weiterhin kabarettistische Erfolgswirbel durchs Tiroler Land drehend, Schreckgespenst der Agrarier, verlegte sich gänzlich aufs Best-of, brachte eine Ode an Prosser vor und erzählte, wie er, also Koschuh, sich beim Schwarzfahren als dieser ausgibt, um mit der Kraft des Wortes den Alltag zu verwirren, die Neigung zum Sprachrausch wurde im schweren Leben des Prossers in Alpbach verortet, aus Koschuhs, bzw. Prossers Mund florierten Stilblüten wie „abgetriebener Almabtrieb, live gerappt“, die später, als Ode an Martin Fritz, einen Gang runter in den Thomas-Mann- oder Günter-Grass-Modus schaltete, Fritz als Geistesgröße porträtierte, dessen Gedanken gen Galaxien galoppieren, schwernachdenklich im Bildungsbürgertum verankert und doch in lichten Höhen wandelnd, zu denen ihm schwerlich jemand folgen wird können.

Eben dieser Martin Fritz holte sich Franz-Xaver Schumacher auf die Bühne, um eine Nahwelt zu errichten, aus mir und dir und Mats Hummels gebastelt, per Zitatsystem vermessen wurde zu Fußball und Liebe gesprochen, ein leicht homoerotischer Touch war natürlich nicht zu leugnen, der trotz allen systemtheoretischen Querpässen auf gedankenschwere Luhmann-Häupter die unterschätzten, todgeschwiegenen Aspekte dieser dem HipHop nicht unähnlich marktwirtschaftlich monströs expandierenden Sportart mitschwingen ließ, etwa, wenn bei der Trainer einem gerade ausgewechselten Fußballer einen Arschklaps in die Garderobe mitgibt, aber alle Fußballer sind geile Schweine (geil und mit 27 Jahren bereits vergreist wie Arjen Robben), sind Schweine und unsympathisch, bis auf Mats Hummels (und David Alaba). Erfreut erwähnenswert ist auch, das Schuhmacher im Anblick der Publikumsmasse eine gekonnt elegante Darbietung bot. Als Best-of folgte ein Klassiker literarischer Tierzucht: Der Text von Eichhörnchen, die im Hobbyzimmer gehalten im Geheimen die Geschichte der Welt leben und deren Besitzer, bzw. Mitbewohner laufend die Wikipedia-Einträge über den “Zirbenschänder” aktualisiert und am wöchentlichen Stammtisch das gebratene Fleisch alter Nager serviert.

Die übliche Verbeugung

Es bleibt an dieser Stelle nun nichts andres zu tun, als unsrem treuen Publikum zu danken: Ihr ward und seid großartig, ihr werdet unsre Motivation bleiben, ohne euch wären wir ganz verkommen. Vielen Dank für die vergangenen 50 Shows, sie seien euch gewidmet, wir nützen, Strübing zum Trotz, den Sommer, um an Texten und Stimmen zu feilen, schöne Zeit euch allen, wo auch immer ihr seid, am 13. September 2012 um 20 Uhr beginnt im Cafe Moustache der Ausritt in die 6. Saison, alles bleibt beim alten und alles wird neu sein.

50. T.o.R. am DO 14.06. mit Volker Strübing

tor flyer spezial 2012 T.o.R.-Logo (c) Pascal-Anne Lavallée Layout (c) Carmen Sulzenbacher

Die Hauptinformationen dürften dem oben stehenden Flyer leicht zu entnehmen sein, aber die Abteilung Literaturbetrieb Süd für Unbeschwertheit, oder wie andere auch sagen: Text ohne Reiter, die Innsbrucker Lesebühne, macht es sich ungern leicht, wenn auch schwierig ausgedrückt werden kann, was gesagt werden muss. Denn wir glauben es ja selbst kaum, aber unsere kleine Rasselbande der Performanzliteratur besteht nun seit mittlerweile 50 Auftritten und dieses Jubiläum will gefeiert sein mit einer ganz großen Spezial-Ausgabe der Lesebühne.

Geboten werden dabei die besten Texte aller Zeiten der Herren Gründungsmitglieder Abermann, Fritz, Koschuh und Prosser – Wünsche nach speziellen Texten werden unter textohnereiter at gmail dot com sowie vor Ort gerne entgegen genommen. Neben der Darbietung dieser Klassiker werden wir es uns aber auch nicht nehmen lassen, gewohnt charmant und chaotisch durch den Abend zu gondeln, Experiment, Literatur und Unterhaltung zu verbinden – denn hierin zeigt sich wahre Professionalität: Es seit 50 Auftritten professionell sowie mit der allergrößten Absicht und Sorgfalt so aussehen lassen, als wären wir immer noch gleich dilettantisch wie ganz zu Beginn.

title=

Das sieht leicht bei uns aus, weil es leicht für uns ist, wäre aber alles noch nichts, hätten wir mit unserem diesmaligen Gast Volker Strübing nicht jemanden gewinnen können, der für Lesebühnen ungefähr das ist, was der Guglhupf für den Sonntag bedeutet – wie alle bestätigen werden, die sich noch an Strübings erstes Innsbruck-Gastspiel beim Bierstindl Prosa Festival erinnern können. Die weiteren Details, Biographien und Werkproben entnehmen Sie bitte wie stets den oben verlinkten Websites, falls überhaupt noch Zweifel darüber besteht, dass ein Mitglied von LSD – Liebe statt Drogen oder der Chaussee der Enthusiasten den Gang am Donnerstag, den 14.06. um 20:00 Uhr ins Moustache mehr als nur wert ist.

Außerdem verraten wir vielleicht noch, was es denn eigentlich mit unserem Namen auf sich hat, welche der vielen sich im Umlauf befindlichen Geschichten über die näheren Umstände der Gründung unserer Lesebühne nun eigentlich stimmt und was uns sonst noch am Herzen liegt. Es wird ein Fest, bleibt nicht in Scharen aus, wir können uns jetzt schon an nichts mehr erinnern.

Leicht lesbare Kurzinformation:
Text ohne Reiter wird 50 und feiert das am 14.06.2012 um 20:00 Uhr im Moustache mit einer Spezial-Ausgabe mit Stargast Volker Strübing (Berlin) und den besten Texten aus 5 Jahren Lesebühne (spezielle Textwünsche an textohnereiter at gmail.com) sowie noch mehr Neuen, Bewährten und Sensationen.