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Zum Saisonabschluss biologisch-orale Invasionen: das war T.o.R. im Juni!

frankm kloetgen

Es begann knallhart und schonungslos: Martin Fritz setzte sich dem Bernhard Thomas auf den Kopf, suhlte regelrecht im spärlich gesäten Haar des Jahresjubiliars und begann derart hart gepolstert und hoch zu Roß, bzw. Autor, eine verschlungen-verworrene Wortkaskade rauswuchernd als Eröffnung in den rappelvoll mundoffen und spitzohrig angefüllten Hexenkessel des Moustache‘ zu posaunen, die von Epi- und Neophythen handelnd der sehr zu empfehlenden Ausgabe Numero 17 des Quart‘ (das sei dem werten Publikum als Sommerlektüreempfehlung nochmals vehement aufs Herz gepflanzt!) entnommen ist. Da sich diese Gewächsgattungen durch Einschleusung, Etablierung im invadierten Gebiet und anschließender gnadenloser Ausbreitung hervorheben, können wir uns einerseits als Lesebühne mit Drang zu Tirol-, bzw. Welteroberung durchaus mit diesen floralen Haderlumpen anfreunden, andrerseits tauchte Bernhard etwas später auch in Prossers Text auf, und es fragt sich, wer da wen als Parasiten im Nacken sitzen hat (apropos, kann sich noch jemand an die glibbernd-wabbelnden Gehirnsauger aus Futurama erinnern?), doch das ist eine andre Geschichte, nämlich von Eidechsen, Troubadouren und allen voran von Jean-Claude Van Damme, sowie dessen Symbolgehalt für die Wachauer Weingegend.

robert prosser und frank klötgen

Allein aufgrund der Auftrittsskizzierung dieser beiden Vortragenden des geschichtsträchtigen Juniabends mag ersichtlich werden, wie naturschwanger es nicht war, ja, es war tatsächlich so, als würde jemand in einen Löwenzahn pusten, derart unzählig entfalteten sich Ideen, Geschichten und Spinnereien dem zahllos erschienen Publikum, so, als würde eine auf Almwiesen rumlümmelnde Habergeiß beherzt in eine Pusteblume blasen, um dem hochdeutschen Duktus verpflichtet auf den Stargast hinzuweisen, der in seiner rhetorischen und textlichen Vielfalt der Lesebühne genug Platz böte, an ihm pickend allen Vieren Inspiration und wahres Können zu vermitteln: Frank Klötgen. Der Writer in Residence nicht nur des Monats Juni, sondern auch der Universität der Stadt am Inn bot einen Hummelfluch betitelte Adaptierung von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow, dessen ausschwärmender Musikwirbel, der hin und her schwirrend loopingdrollig Hummellegionen heraufbeschwört, von Klötgens Kunstfertigkeit noch gesteigert wurde, da dieser in der Manier alter Meister Text, Stimme und Melodie verbindend einen Klassiker unsrer Zeit erschuf. Koschuh wiederum brachte einen Lobgesang auf Martin Fritz dar, der als eigentlicher Urheber aller jemals auf Lesebühnenbrettern vorgetragenen Textwelten entlarvt wurde, solange sich diese in Innsbruck befinden und unterm TextohneReiter-Label galoppierend Wurzeln in willigen Ohren schlagen. Überhaupt geizte der gesamte Abend nicht damit, enthüllend Skandälchen zu offenbaren, so kam etwa ans mittlerweile rauchlose Spelunkenzwielicht, dass sämtliche Beteiligten den zweiten Vornamen Maria tragen, und Stefan Abermann unternahm endlich einen Angriff auf die österreichische Unart der feuilletonistischen Gefälligkeit, die zahnlos vor sich hin maulend kaum Kritik gewohnt ist, und erteilte einer abfälligen Rezension des Debütromans in der Tiroler Tageszeitung eine geharnischte Antwort. Diese fiel durchformuliert unschlagbar aus, die vereinte Kraft der Lesebühne zeigte gegenüber dem Goliath-Ungetüm des Moser-Holding Imperiums jene Respektlosigkeit, die den Untergrund auszeichnet, schier veredelt (Stichwort: Ruhefaust), und ob man es glaube oder nicht: das alles geschah nur in der ersten Hälfte.

frank klötgen, spiegelung und publikum, und das alles in einem bild

Die zweite wurde sogar noch besser, hitziger, geladener, die Lesebühnenakteure hatten sich gerade mal warm gesprochen: Abermann eröffnete mit einem Märchen, dass in unregelmäßiger Abfolge auf seiner Website mitzulesen sein wird (eine aufgefuchster Marketingnerd ist er ja, unser Abermann, von der andren Hälfte des charmanten Moderationsduos Fritz gerne auch als Wammemann bezeichnet und an Jelineks Neid-Roman geschult), Koschuh rauchte fake und zur Schau, gab Kostproben seines schauspielerischen Talentes und jenes zu Schüttelreimen (Exzerpt: sie fuhr mit dem Bus bis nach Hietzing, weil sie mit dem Piercing am Sitz hing), Prosser beackerte das Spannungsfeld von Marathonlauf/Kunst/Versagensängsten/Dehnübungen, und legte noch eine weitere Textprobe aus Quart #17 drauf, eine Art Schimpftirade wegen touristischer Auswüchse im Tiroler Unterland unter besonderen Verweis auf Arthur Koestler, und Fritz erzählte abschließend von Tigercharakteristiken und Assi-Eichhörnchen, deren einzig annähernd sinnvoller Beitrag zur Gesellschaft der Eichhörnchenkäse ist. Dazwischen und als Zugabe ragte erneut Frank Klötgen ins Lesebühnenfirmament, von vier Kometenschnuppen umkränzt erstrahlte dieser Fixstern und erzählte, sämtliche Navis im Raum aufgrund der eruptiven Sprachballung in hellste Aufregung versetzend, vom Knutschen mit der Bassistin, dem Glück der Sachbuchautoren und von deren monetären Paradieswelten. Er wirbelte Gedichte unter anderem von Schiller durch den Lyrikmixer, ließ den Zauberlehrling Goethes mutieren und spannte sich wallewalle den Weimarer Klassikschmus vor den Karren, wuselte flink wie Wachauer Smaragdeidechsen durchs Gras zwischen reinen und unreinen Reimen, und die Applauskaskaden, die darauf folgten, ließen aufgrund ihrer Lautstärke und Vehemenz selbst die derzeit wildgewordenen Sonnenflecken schüchtern flackern und zittern. Es gab also viel Bewegung, Flora und Fauna an diesem unvergesslichen Abend, es waren sprühende Momente sprießender Sprachkunst, die das Warten bis zum Ende der Sommerpause schwer werden lassen, aber da müssen wir gemeinsam durch, nach der Saison ist vor der Saison, wie uns Didi Constantini mal während eines Workshops oder Probetrainings zugeflüstert hat, wir bedanken uns noch bei Güle G. Lerch und Thomas Schütte für die charmant-überzeugenden Open Mics, hoffen, dass uns beide mal wieder beehren, wir gedenken schaudernd diesem wilden, schier bacchanalischen Saisonabschluß, haarscharf den Balanceakt zwischen Rockstar und Poet meisternd stehen wir am Donnerstag, den 8. September 2011 um 20:00 Uhr erneut an der Bühnenkante des Moustache, wir werden schwadronieren, schwitzen und ins Licht der Scheinwerfer blinzeln, denn seien wir ehrlich: es geht wirklich immer nur um die nächste Show, deren Performanz Präsenz in Mischkultur ist.

und damit verabschieden wir uns in die sommerpause - bis zum nächsten t.o.r. am do 8. september 2011 verbleiben wir mit dem protipp: niemals in unbekannte gewässer springen, beckenrandspringen nur wenn der badewaschel nicht hinschaut und nach jeder mahlzeit zehn stunden nicht ins wasser