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Des Brauchtums revolutionäre Eskapaden: Das war T.o.R. im Mai

Das deutsche Unterhaltungsfernsehen mag Marianne & Michael als volkstümlich versiertes Moderatorenduo sein Eigen nennen, Innsbruck, dieser Hotspot alpenländischer Kultur, hält mit Martin & Stefan dagegen, die, wie es in turbulenten Zeiten des Niedergangs von TV und Urheberrechtsgesetzen nicht anders sein darf, anstatt in Flimmerkisten per Playback, als Liveereignis mit charmanter Improvisation gekonnt durch die Abende führen. Ein solch schier als historisch zu bezeichnendes Gleiten in die lauen Tiroler Nächte wurde auch im Mai zelebriert, der Volkskultur performative Seiten ans Scheinwerferlicht zerrend und sexy wie es sonst nur Stefanie Hertel ist, blies Text ohne Reiter von Abermann und Fritz moderiert dem wonnigen Bienenmonat den lesebühnentechnischen Marsch, sodass heimattreuen Schützenvereinen vor Neid die Auhahnfedern gezittert hätten, würde denn von Seiten der Lesebühne ein derartiges Milieu als Zielpublikum und Absatzmarkt auserkoren.

Kurz vor der üblichen Verbeugung

Zwar ließ sich das Fehlen von Markus Koschuh kaum verschmerzen, dieser schwang auf einer andren Feier Tiroler Hochkultur den Haxen der Bühnesau, weshalb sich Text ohne Reiter zum Ausgleich einen helvetischen Anverwandten der Performanz an den aufgrund des hohen Besuchs stolz geschwellten Busen lockte: Remo Rickenbacher, stylender Schweizer Prachtbursch‘, derart Westside, dagegen liegt Compton im Osten (und Thun sowieso).

Remo Rickenbacher

Die Remolution startete mit ökoterroristischen Kampfforderungen, schlug vor, dass verstorbene Seelen auf dem Weg gen Himmel Fahrgemeinschaften bilden, und machte, ins Schaleninnere einer Biobanane vorgedrungen, die Schrecken der Globalisierung deutlich. Diese führten dazu, dass eine importierte Banane trotz Max-Havelaar-Etikett gegen das vom Kunden heißgeliebte Schweizer Kernobst auf der Strecke blieb und sich das verkannte Exemplar der Musaceae vor Verzweiflung während der Lesebühnenshow selbst versteigerte. Im weiteren Verlauf ließ Remo in Hektoliter und Bernerdeutsch Güllä fließen, aufgrund der dialektalen Verschiebung verstand jeder etwas anderes, der ohrenspitze Nachberichtsschreiber glaubt, Wichser mit landwirtschaftlichem Hintergrund und Snoop Dogg als Inhalt ausgemacht zu haben. So oder so: Das Publikum schenkte dem Schweizer die ansonsten nur schwer zu erobernden Handküsschen, und noch lange werden die oralen Erschütterungen dieses SpokenWord-Artisten durch Innsbruck geistern, auch aufgrund der Zugabe, die um den Poesie- und Komikgehalt des Kotens kreiste.

Stefan Abermann und Robert Prosser

Robert Prosser, nunmehr vollends vom Muay Thai, dem nordenglischem Nationalsport, geeicht, las einen kurzen Essay zu vollkommen nebensächlichen Dingen, die den Geist der Revolution verdunkeln, sprach von Occupy und dem One-Purse-Ent (ein Witz, den offenbar nur er selber äußerst lustig fand) und schweifte bis nach Indien ab, um dortigen Drogentourismus und falsch aufgefasste Sadhu-Romantizismen anzuprangern. Nach dieser Brandrede, gegen das Absorbieren von Revolutionsbewegung durch die wabernde Masse westlicher Alltagskultur gerichtet, folgte eine köhlmeiernde Neubearbeitung der Fabel von Actaeon. Ovids Metamorphosen abgeluchst erspähte der unglückliche Jäger die Göttin Diana, die ihn daraufhin zur Abstrafung des Voyeurismus in einen Hirschen verwandelte und in dieser Gestalt wurde der wildgewordene Actaeon auch von seinen eignen Hunden per Sprachstakkato gefressen.

Stefan Abermann

Stefan Abermann machte deutlich, woran man früh vollendete Dichter erkennt, nämlich an ihrem Schulheft: Seine Ergüsse in Form präpubertärer Hausaufgaben spielten wie eine Blasmusikkapelle alle Stückerl und ließen waldorfschulentechnisch nichts zu wünschen übrig, bereits der frisch dem Kindergarten entwachsene Abermann stellte sich den großen Themen, die ein Autorenleben aufzubürden imstande ist, etwa dem Gefangensein im Fischbauch auf Pinocchios Verdauungsfährten, bzw. enthüllte der junge Vifzack die Herkunft des Papiers. Abermann gab zudem eine Reisewarnung für die Steiermark aus, angewidert vom Kernöl steigerte er sich ins idiomatische Bellen des Dialekts, zu hören gab es beispielsweise Perlen verrohten Brauchtums wie: „Hoit is ois droan, woas beim Budan in d‘ Knia geht!“

Martin („Der Mann, der so tut als hätte er Stil“ Zitat Abermann) Fritz bestätigte nicht nur seinen Ruf, ein begnadeter Zeichner zu sein, er fetzte also nicht bloß Mary Shelley, der beschwiegenen „Dichterin-des-Abends“, in Ermangelung eines Daguerreotypie freihändig aufs Papier, sondern trug auch Texte vor, unter anderem zum weiten, dennoch naheliegenden Themengebiet Fußball und Vögel, das als goldenes Ei dem erstaunten Publikum die Erkenntnis in die offenen Münder kickte, dass Island wie ein auf den Kopf gestelltes kotzendes Schwein aussehe. Fritz blieb der Tierliebe treu, literarisch sodomisierend versenkte er sich als erste Fisch-Charakterisierung einer 40teiligen Reihe ins Wesen des Felchen, der vom gemeinen Menschen der Kategorie Bobo als Waffe der Gentrifizierung benützt ganze Stadtteile nicht nur dem Latte Macchiato, sondern gleich dem Untergang weiht.

Die übliche Verbeugung und damit bis zum nächstes T.o.R. am 14. Juni 20 Uhr, im Cafe Moustache, Innsbruck. Das Special zum 50. Ausritt mit Gast Volker Strübing

Das und noch viel mehr passierte also alles Mitte Mai, besser, wilder, ausufernder kann es kaum werden, denkt man sich, aber wie sagt man in Marokko: Sahara retten statt FPÖler Deppen, oder auch: Play it again, Sam, weshalb das 50. Jubiläum naht und wohl gleichfalls Bacchanalisches parat halten wird. Stay tuned!

Hardfacts: Nächstes T.o.R. am 14. Juni 20 Uhr, im Cafe Moustache, Innsbruck. Das Special zum 50. Ausritt, mit Volker Strübing.

T.o.R. am DO 10.5. mit Remo Rickenbacher

Remo Rickenbacher

Jaja, Mai, Wonnemonat, beste Zeit, den Bialbero die Casorzo zu besuchen: Kommt uns nicht mit diesem Unsinn. Denn Ihr liebstes sinnverarbeitendes soziales Funktionssystem, oder wie andere auch sagen: Text ohne Reiter, die theoretischste der praktizierenden Lesebühnen Innsbrucks, öffnet ihre Pforten bzw. jene des Moustache natürlich auch im Blumenmond so sperrangelweit wie eine Rettungsgasse.

Neben den hauptamtlichen Eisheiligen und T.o.R.-Stamm-Autoren Abermann, Fritz, Koschuh und Prosser, die in ihren schönsten Erstkommunionsanzügen mit frisch gepflückten Texten aufwarten werden, ist diesmal als Gaststarleser Remo Rickenbacher aus dem von der Limmat durchflossenen Thun geladen. Über dessen Leben und Werk informiert diejenigen, die seinen schon jetzt legendären Auftritt neulich beim Bäckerei Poetry Slam verpasst haben, wie alle anderen auch seine oben bereits und hier noch einmal verlinkte Website, die auch Unbewegtbilder, Ton- und Videoaufnahmen bereitstellt. Besonders hervorgehoben sei, dass Rickenbacher ein Spezialist auf dem Gebiet der Optimalitätstheorie am Phonologie-
Morphologie-Syntax-Interface der slawischen Sprachen
ist, was ihn wie geschaffen für unsere bekanntermaßen der Linguistik gegenüber sehr aufgeschlossene Veranstaltungsreihe macht.

Von statten gehen wird der ganze Zauber am Donnerstag, den 10. Mai 2012 pünklich um 20:00 Uhr , bliebt also nur noch zu erwähnen, dass die üblichen Naturkonstanten wie Open Mic für 2×5 Minuten für Textvortragswillige aus dem Publikum sowie freie Platzwahl bestehen bleiben.

Kurzzusammenfassung ohne Epiphyten:
Do 10.5. 20:ooh Moustache: T.o.R. mit Remo Rickenbacher

Die kommenden Aufstände bis zur Sommerpause

Während draußen schon die ersten Sonnenstrahlen die Katzen auf die Blechdächer treiben, denkt das Herz der Finsternis, oder wie andere auch sagen: Text ohne Reiter, die Innsbrucker Lesebühne, schon daran, was wir nach dem nächsten Sommer getan haben werden. Kurz gefasst sind dies viele schöne Auftritte mit vielen schönen und erbaulichen Gästen und genauer ist dies hier nachzulesen:

t.o.r. flyer frühling/sommer 2012<br />
T.o.R.-Logo (c) Pascal-Anne Lavallée Layout (c) Carmen Sulzenbacher

* DO 12.04.12 mit Jana Klar (Berlin/Biel)
* DO 10.05.12 mit Remo Rickenbacher (Thun)
* DO 14.06.12 50. T.o.R. Jubiläum-Best-Of mit Überraschungsgast

Unser Dank gilt naturgemäß und wie immer Carmen Sulzenbacher fürs Layout des Flyers.

Die ganzen Details, Credits und Co kommen dann noch just in time auf allen magischen Kanälen auf euch zu und ihr hoffentlich zu diesen erquicklichen Anlässen alle ins Moustache.