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Text ohne Reiter Auflesungsabend im Juni

gruppenfoto text ohne reiter 2007

Wer es bzw. uns nicht sofort wiedererkennt: Das oben stehende Lichtbild aus dem Jahr 2007 zeigt tatsächlich uns. Was es aber auch zeigt: Es ist seither viel Zeit vergangen, genau genommen sieben Jahre.

Sieben Jahre, in denen wir uns jedes Monat immer wieder selbst überraschten, verwirrten und freuten auf und mit unterhaltsamen, verstörenden und pathetischen Texten, sieben Jahre mit immer wieder einzigartigen Lesegästen, Tief- und Höhepunkten und allem dazwischen, aber eben auch sieben Jahre, nach denen wir nun nach reiflichem Nachdenken sagen müssen: Es ist wieder Zeit für etwas Neues, denn am schönsten ist Aufhören, wenn es am schönsten ist, also leider jetzt. Weil es aber vor allem auch sieben Jahre mit dem besten, treusten und vor allem attraktivsten Publikum waren, das wir uns nur wünschen können, gehen wir nicht, ohne uns noch einmal mit einem Ausritt gebührend von euch zu verabschieden.

Konkret gesagt heißt das, die Abteilung für Performanz, Liminalität und Kryptik, oder wie andere auch sagen: Text ohne Reiter – die Innsbrucker Lesebühne, wird noch einmal, und zwar am Donnerstag, den 11. Juni 2015 um 20:00 Uhr im Moustache mit allen hauptamtlichen T.o.R.-Stammautoren Stefan Abermann, Martin Fritz, Markus Koschuh und Robert Prosser aufwarten, die ihre wichtigsten Texte aus den langen Jahren Lesebühnenschaffens oder vielleicht auch ganz Neues darbieten werden. Lasst uns also noch ein letztes Mal in dieser Form zusammenkommen und sieben Jahre feiern, denn das war es in jedem Moment: ein großes, glitzerndes, goldiges Fest.

Und naturgemäß heißt das Ende in dieser Form nicht, dass es gar nicht weitergeht – die T.o.R.-Autoren werden natürlich weiterhin in diversen Zusammensetzungen auf diversen Bühnen zu erleben sein – wir werden euch hier (und auf unserer neuen Facebook-Page) über unsere Aktivitäten auf dem Laufenden halten und auch darüber, ob und unter welchem Namen und mit welchem Personal die Lesebühne nach der Sommerpause eventuell wie ein Phoenix wiederauferstehen wird oder was auch immer sonst passieren mag. Bleibt dran – wir sind selbst schon sehr gespannt.

Kurzzusammenfassung zum Schluss:
Do 11.Juni 20:00h Moustache: T.o.R. Auflesungsabend.
Und zum Facebook-Event geht es hier entlang.

T.o.R. am DO 13.9. mit Andreas Plammer

Andreas Plammer

Alles ist immer jedes Jahr das Selbe, so auch der September-Termin beim starrsten Dynamik-Cluster aller variablen Invarianzen oder wie oder wie andere auch sagen: bei Text ohne Reiter, der konstantesten flexiblen Lesebühne Innsbrucks. Und da es auch nicht sein anders sein könnte, als es sein kann, so laden wir Berufsurlauber und ehrenamtlichen Performanzliteraten sowie Stammautoren Abermann, Fritz, Koschuh und Prosser auch diesmal wieder ins Moustache um unsere schönsten Ferienerlebnisse vorzulesen, sowie die besten Postkarten, die wir uns gegenseitig geschrieben haben und vielleicht gibt es zur Veranschaulichung auch einen Urlaubsdiavortrag. Oder es kommt ganz anders und wir lesen doch die besten neuen Texte, die wir im Sommer frei aus unserer Fantasie erfunden und aufgeschrieben haben. Wer weiß schon, welches von beidem – wir wissen ja schon nicht, was wir letzten Sommer getan haben. Passieren wird der ganze faule Zauber jedenfalls am Donnerstag den 13.9. um 20:00 Uhr.

Zudem verhält es sich so, wie es ist (also Open Mic für 2×5 Minuten für Textvortragswillige aus dem Publikum, eh klar, kennt ihr schon), und nicht vielmehr ganz anders, woraus weiters logisch folgt, dass wir als Gastleser den fabulösen Andreas Plammer aus dem von der schönen Traisen durchflossenen Wien engagiert haben. Über dessen Tun und Lassen informiert dessen wunderschöne Website, wenngleich sie verständlicherweise doch einen deutlichen Fokus auf ersteres legt. Dieser Informartion gar nicht bedürfen dürften jedoch die meisten, die Andreas Plammer von seinen zahlreichen Auftritten bei wohl sämtlichen Poetry Slams, Lesebühnen und überall sonst, wo ein Mikrophon rumsteht her kennen oder in seiner Eigenschaft als Redakteuer der Literaturzeitschrift & Radieschen, die er als Büchertischbetreuer z.B. auch schon beim Bierstindl respektive Bäckerei Poetry Slam in Innsbruck unters Volk brachte. Und wenn ihr dazu keine Fragen mehr habt, dann hat sie eben der Plammer selbst, und was für welche.

Fun-Factbox:
Do 13.9. 20:00h Moustache: T.o.R. mit Andreas Plammer

Geschrammelte Performanz männlicher Schönheit: Das war T.o.R. im März

Die just auf 08. März fallende Ehrenfeier der Weiblichkeit, diesen Bastard aus Valentins- und Muttertag, beging die innerhalb der rauen, dem Bauerntum verpflichteten Felsenwelten des Tiroler Alpbollwerks erstaunlich charmante Lesebühne Text ohne Reiter dem Anlass entsprechend: Es war ein Schaulaufen versprachlicht verschenkter Handküsschen und Pralinenschachteln, ein Galan nach dem andren marschierte gockelgleich vors Mic, um das Publikum des Moustache zu bezirzen, wobei ungeklärt bleibt, ob die Abwesenheit von Markus Koschuh, der unweit einen neuerlich gefeierten Kabarettauftritt absolvierte, von Vor- oder Nachteil war.

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Als oberster Charmebolzen bezauberte Wiens schönster Mann, der Hans Moser unsrer digitalen Generation: Marc Carnal. Dieser hat doch tatsächlich bereits mit Österreichs Männertraum und Beispiel angewandten Feminismus‘, nein nicht Lotte Tobisch, sondern mit der Jazz Gitti getanzt, bzw. sie nicht unähnlich eines hübsch herausgeputzten Satelliten umrundet, das Lesebühnen-Personal freute sich ob der Ehre daher schier rauschselig, es müssen vormalige, nunmehr in Menschengestalt inkarnierte Rebläuse gewesen sein, die auf dem Wettsofa saßen, glücklich wie Honigkuchenponys, gebacken aus Eier, Butter, Bier, sich ob der vorgetragenen, den Heurigen-Stanzeln Transdanubiens alle Ehr‘ erweisenden Reimgesängen, Bänkelliedern und prosaischen Erörterungen aufgefundener Einkaufslisten höchst amüsierend. Carnal las vom kotzenden, den Abort besudelnden Suppenkasperl, der gesundheitlichen Bedeutung des Apfels (u. a. Trinkst du Apfelsaft statt Branntwein, braucht der Arzt ein zweites Standbein), offenbarte die Knechtschaft, unter welcher schöne Menschen mit ihren güldenen Locken und dem satten Königsblau ihrer Augen zu leiden haben und brachte als Zugabe sogar eine dem höfischen Minnesang-Ideal durchaus entsprechende höfliche Version des Battle-Raps dar.

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Stefan Abermann, endlich gesundet und nach der erzwungenen Pause unruhig im Backstageraum scharrend, malte jenen Punkt, der am Ultraschallbild einen Embryo verrät, zum pointilistischen Kunstwerk aus, spannte einen berührenden Bogen vom Betrachten des Fotos bis hin zu jenen pubertär hormonellen Schwankungen, denen dieser Punkt in einigen Jahren, wenn wir unsere Literatur-Show schon längst im Wiener Burgtheater oder zumindest auf der Festung Kufstein abziehen, ausgesetzt sein wird, und erkannte in eben diesem unscheinbaren Punkt einen Lebensinhalt, dessen Bedeutung etwa die Punktewertung des Slams nie erreichen wird können. Abermann blieb diesem Thema, nämlich den Zwängen und Freuden der Pubertät, in gewisser Hinsicht treu und las später vom Wert Youporns, dem Heiligen Gral der Hormongepeinigten, welcher endlich die Aufklärung vonseiten frigider Biologielehrerinnen erübrigt und somit auch vergangene abermann’sche Vorstellungen beseitigt, die in all ihrer anatomischen Schrecklichkeit einen Spermatunnel bis ins Gehirn der Frau inkludierten, aber gut, jetzt schafft das WWW Gleichheit und auf der gemeinsamen Wissensbasis von DP, Creampie, Bukkake und BDSM verliert auch allererster Blümchensex seine furchteinflößende Aura und kann sogar richtig geil werden.

Robert Prosser trug die Geschichte eines alten Schauspielers vor, der, ebenso hässlich wie konzentriert seiner Rolle als Richard dem III verfallen, Shakespeares Geistern folgt, herzkrank die Tätowierungen auf seinem Oberkörper zum Sprechen bringt und sich im Verlauf der Geschichte als Freak entpuppt, dessen Mark vor lauter Leidenschaft und Hingabe unter der Griffelspitze des toten Dichters vibriert. Als zweiter Text folgte Prosser’s verschriftlichter, liebster Trunk, nämlich über „Sex im Wald“ zu rhythmisieren, eine Verfilmung dieser Wälzereien zweier Menschen im gefallenen Herbstlaub, nah am Bachufer, würde auf einschlägigen Internetportalen vermutlich zum dauernd beklickten, befappten Publikumsrenner avancieren.

Martin Fritz, der Radikalstifter zum Metaquadrat, begann seinen Auftritt mit: “So bin ich also Lesebühnenautor geworden“, er malte uns Performanz-Schrammlern Gefühlswelten ins Innere, die sich ums Saufen und Rumhuren drehten und erzählte vom Leben der Bühnenpoeten, dieser lichtscheuen Trunkenbolden mit stumpfsinnigen Texten, einzig mit Schnäpsen aufrecht zu halten erfüllen wir, „das One-Trick-Pony der Unterhaltungsindustrie“, unsre schmutzige Pflicht. Weiters folgten die zehn besten Ecken Innsbrucks zum Rumstehen, irgendwo heulte ein Wolf, und Fritz las einen Text über eine junge Frau und ihren E-Mail Entwurf, welcher die Bronzezeit und deren damalige lukullisch leckere Pizzen, dank Blasebalg in Höhlen gezaubert, und den Geist, der den Mauszeiger bewegt, streifte.

Zu guter Letzt kam sogar noch Markus Koschuh, stürmte von der Kabarettbühne, den Zugabenapplaus noch im Rücken, ins Moustache und während draußen vorm Lokal mit entzündeten Fackeln bewehrte Agrarier warteten, die Spitzen ihrer Mistgabeln bedrohlich an den Fensterscheiben kratzten, las er als Abschluss unsres literarisch-reimfrohen Märzenbechers eine Erörterung zu Martin Fritz vor, dem Rain Man des beginnenden 21. Jahrhunderts, und führte damit Lesebühne und Internationalen Frauentag einem gelungenen Happy-End zu, das Schaulaufen der Gockelgalane fand im Gegensatz zur trinkfreudigen Nacht ein Ende, doch bereits am 12. April 2012 wird ein neuerlicher Reigen eröffnet, und zwar mit SpokenWord Maestra Jana Klar.

Die übliche Verbeugung

Fastfacts, ins angeduselte Heurigen-Schunkeln nachgereicht:
Nächstes T.o.R.: mit Jana Klar, am Do. 12. April im Moustrache, um 20 Uhr

Die kommenden Aufstände bis zur Sommerpause

Während draußen schon die ersten Sonnenstrahlen die Katzen auf die Blechdächer treiben, denkt das Herz der Finsternis, oder wie andere auch sagen: Text ohne Reiter, die Innsbrucker Lesebühne, schon daran, was wir nach dem nächsten Sommer getan haben werden. Kurz gefasst sind dies viele schöne Auftritte mit vielen schönen und erbaulichen Gästen und genauer ist dies hier nachzulesen:

t.o.r. flyer frühling/sommer 2012<br />
T.o.R.-Logo (c) Pascal-Anne Lavallée Layout (c) Carmen Sulzenbacher

* DO 12.04.12 mit Jana Klar (Berlin/Biel)
* DO 10.05.12 mit Remo Rickenbacher (Thun)
* DO 14.06.12 50. T.o.R. Jubiläum-Best-Of mit Überraschungsgast

Unser Dank gilt naturgemäß und wie immer Carmen Sulzenbacher fürs Layout des Flyers.

Die ganzen Details, Credits und Co kommen dann noch just in time auf allen magischen Kanälen auf euch zu und ihr hoffentlich zu diesen erquicklichen Anlässen alle ins Moustache.

Die Donnerfaust und errötende Asen: Das war T.o.R. im Februar!

Ullr, der nordische Gott des Winters und der Skiläufer, Eide, Jäger und Bogenschütze auf Skiern (true story) mag Tirol noch so eisig klirrend an der Gurgel gepackt haben, wir ließen uns nicht unterkriegen, ja sollen sich die zwölf Asen doch in ihrem vergleichsweiße warmen Asgard gegenseitig aus der Edda vorlesen und finnisch saunieren, wir hielten selbst in diesem Feber unsre Audienz, vom Winter umstürmt, mit Schneekristallen im Haar, als wären wir orientierungslose Eiskunstläuferinnen, trauriges Strandgut der Innsbrucker Youth Olympic Games, verloren fern der Heimat, aber stolz und von kleinen Krönchen geschmückt.
Zwar nicht vollzählig – Stefan Abermann kam a) unter die Kufen, wie es im fancy Lingo der Jungolympioniken heißt, b) zwischen die Schienen, wie man es in Wörgl, dem aus frühpensionierten Schaffner bestehendem Mordor der ÖBB, bezeichnet und verlief sich c) im Astwerk des Yggdrasils, wie die linkischen Asen tuscheln, lässt sich einer von ihnen von einer Wanengöttin beißen, aber genug des Tratsches: Gute Besserung! – wurde dennoch das lesebühnenmöglichste unternommen, die zahlreich anwesenden Gemüter ganzheitlich zu erwärmen.

robert prosser und max höfler im gespräch

Von Martin Fritz und Robert Prosser charmant moderiert (wobei ersterer zumindest zu Beginn etwas Mühe mit dem von einer Johanneskraut-Kur vernebelten, fröhlich weggetretenen Alpbacher hatte) wurde eine Rettungsgasse in den Saal gepflügt, um unsren Stargast – Max Höfler aus Graz – ein passendes Ambiente zu bieten, das dieser auch schweiniglerisch zu nützen wusste, um vom Beamer unterstützt aus seinem Debütroman Texas als Texttitel vorzutragen. Da wurden selbst Asengards Mauern schamrot, rauschte doch der Heilige Geist hundertfach beschwängelt für Orgien herab, eifrig zum Halali geblasen wurde die Geschwindigkeits- Erregungsanomalie der Dampfschifffahrt diagrammatisch veranschaulicht, weshalb Matrosen und Heizer kein lauwarmes Lüftchen, sondern ausgewachsene Lustorkane zu überstehen hatten; als Zugabe folgte Höflers Glaubensbekenntnis, welches die Notwendigkeit des Aufstandes wie auch das Versagen Andreas Hofers inkludierte, und alles in allem war es ein gewaltiger Samenerguß, da die experimentelle Literatur in Höfler ihre Geilheitskomponenten erfuhr.

max höfler

Markus Koschuh brachte eine Prosaminiatur zum guten Zeitpunkt des Sterbens vor, in die letzten Atemzüge der alten Frau Gatt webte er Erinnerung und Gefühl zum Sprachteppich, auf welchem die Traurigkeit leise durchs Moustache schwebte. Zum Abschluß des Abends nahm er eine von Prosser vorbereitete und hämisch präparierte Powerpointpräsentation in Angriff, unsre lustige Karaoke ging in die zweite Runde und gar meisterlich dozierte Koschuh über Schwarzmagie, die Zauberkräfte des Menstruationsblutes und das Weghexen von Penissen – und ja, ungelogen: Kakerlaken können wirklich neun Tage ohne Kopf überleben, sie sterben einzig daran, keine Nahrung mehr zu sich nehmen zu können. Im zweiten Part der Karaoke nahm Robert Prosser den Fehdehandschuh Koschuhs auf und log Wissenswertes zur Windenergie, erklärte, warum sowohl Vögel als auch Delfine schnatternd in die Flügel der Räder geraten und wieso das Burgenland landschaftlich so verschandelt ist, und erzählte ferner von seiner neuen Leidenschaft: dem Thaiboxen. Dieses entpuppte sich als heimliches Leitmotto des Abends, Schienbeine starben ab, junge Männer vereinigten sich unterm Banner des Mittelfingers, alles in allem scheint es, als wären die Asen in uns gefahren, derart martialisch zeigt sich die Lesebühne im Rückblick.

Martin Fritz beschäftigte sich in seinen Texten, die ziemlich vieles sehr konzentriert beinhalteten, einmal mit dem Wertcharakter der Nostalgie, schmähte die Hartschalen-Rollkoffer, dieser Geißel der Ersten Welt, irgendwo heulte ein Wolf und Fritz schnalzte dem Publikum den Performanzcharakter der Sprache um die Wollmützen, unser leibeignes Hausthema sozusagen, diese gehäkelten Käppchen, Hartschalen-Rollkoffer des Nightlifes, und entlarvte, dass es sich bei allem um die semantischen Variablen derselben Realität handle – diese kann entweder das Füttern der Haselmaus oder aber Thaiboxen sein, Prosser und Fritz waren sich uneins, wobei ich, der Nachberichtschreiber, ja glaube, dass sich beides nicht unbedingt ausschließe.

die übliche verbeugung

So bleibt nicht vielmehr, als sich den Schnee aus der Mähne zu schütteln und mit warmen Gedanken aufs Märzenspektakel zu hoffen, denn am 08. 03. 2012 stürmen wir wieder unsre Bastion, unterm Banner der Interdisziplinarität, die keinen Unterschied zwischen Literatur und Kampfsport (oder Kleintierfütterungen) duldet, treten wir auf als lebendiger Beweis des Performanzprozentgehaltes der Sprache, und in dieser nahen Zukunft reitet mit uns: Marc Carnal.

Fancy icy Facts:
Next T.o.R. am 08.03.2012 um 20:00 im Moustache, mit Marc Carnal

T.o.R. am DO 12.1. mit Christoph Simon

christoph simon, foto Adrian Moser

Man kennt das ja: Punschkrapfen, Feuerwerk, Rettungschirm und Weltuntergang, kurz gesagt: Alles ist im Umbruch, aber auf ein paar Konstanten kann man sich auch zum Jahreswechsel verlassen und so steht uns mit der selben Unerbitterlichkeit wie die Vier-Chancen-Tournee und der Spruch “Dick wird man nicht zwischen Weihnachten und Sylvester, sondern zwischen Sylvester und Weihnachten” auch wieder eine Auflage von Text ohne Reiter bevor, der einzigen Sache neben Zweisamkeit und hochheiligem Paar, die traut ist, oder wie manche auch sagen: der anspruchsvoll-unterhaltsamen Lesebühne.

Das alles hilft aber nichts, wenn niemand weiß, wann und wo der ganze Wahnsinn im jungen Jahr 2012 denn losgehen soll, drum schreiben wir dies ja ins Internet hinein: Am Donnersduck, den 12.01.12 Klock 20:00 Uhr geht im Moustache wieder alles von vorne los und zu unserer großen Freude haben wir es endlich geschafft Christoph Simon aus dem schönen Bern als Gastleser begrüßen zu dürfen zu können habenseinwerden. Ebendieser bringt uns hoffentlich Viel Gutes zum kleinen Preis mit und wer ihn nicht kennt (persönlich oder beruflich) kann sich autobiographische Daten und Werkliste mittels Verklicken des Hyperlinks auf seinem Namen oben reinpfeifen, wie man heutzutage so schön sagt. Es gibt eben doch für alle Probleme Rat.

Apropos Rat, die T.o.R.en höchstselbst, als da sind Abermann, Fritz, Koschuh und Prosser werden ebenfalls aus der allgemeinen Glühsekt-, Kaufrausch- und Vanillekipferltränke entsteigen und Texte vortragen, die in allen Lebenslagen Rat, Trost und Kurzweile bringen, das Open Mic steht für 2×5 Minuten allen Textvortragswilligen aus dem Publikum offen, denen nicht davon abgeraten wurde euch allen sei zu zahlreichem und pünktlichen Erscheinen geraten, denn letzteres gebietet ja schon allein die Höflichkeit.

Harte Fakten für Harte Zeiten:
DO 12.01.2012 20:00 Uhr im Moustache: T.o.R. mit Christoph Simon

christoph simon macht auch am tischfussballtisch gute figur

Vorgezogene Weihnacht: Das war T.o.R im Dezember mit Barbara Hundegger

Barbara Hundegger, Stefan Abermann, Martin Fritz

Während sich halb Italien auf Innsbrucks Christkindlmärkten Glögg, Glühwein oder Conditum Paradoxum hinter den Schal goss und in engen Altstadtgassen fröhlich feiernd das Post-Berlusconi-Zeitalters zelebrierte, versuchten wir dem ganzen Einkaufsirrsinn zum Trotz, unsren Lesebühnenfuror selbst im Advent beizubehalten (aber wie man in sämtlichen Baum- und Neuen Mittelschulen Tirols seit ehedem zu lernen pflegt: geht’s dem Tourismus gut, geht’s uns allen gut), wir ließen uns also von den in dieser Woche vollzogenen Brauchtumsauswüchsen a la Perchtenumzug und Hexentanz inspirieren und legten ähnlich höllisch-infernal, das geheime Feuer von Wort und Stimme umtänzelnd, los:

Martin Fritz begann mit einem kryptischen, ähnlich einer Nelkenzwiebel mit Songtiteln gespickten Text, der eine besonders von Schlagertiteln strotzende Plattensammlung offenbarte, letztlich aber Ananasscheiben und Toast Haiti zum Inhalt hatte und von den kleinen Dingen handelte, die viel bewirken: große Biere zum Beispiel – bereits ein versteckter Hinweis darauf, was neben den Top Ten der Gottschalk-Ersatzkandidaten noch kommen würde: Eine Bierkolumne von Tonio Krügerl über die falschen Freunde der Trinker, die mit in Thermoskannen abgefüllten Tee zum Schlittenfahren animieren, dadurch aber auch Einsichten provozieren (wie: Es gibt kein wahres Leben in Flaschen) und den Erfindergeist kitzeln (a la: Konzentration des Hopfengetränkes aufs Wesentliche in Form von löslichen Bierwürfeln).

Stefan Abermann fand auf der Suche nach absoluter Einheit den Heiligen Gral eines jeden feinfühlig zur Feder greifenden, der Poesie zugeneigten Menschen, er entdeckte das Wort, sie alle zu knechten: Sex. Diese drei Buchstaben, vom umtriebigen Sexerich etwa auf Fahrstuhlwände gekritzelt, lösen epochale Nachwehen aus, die per Phantasie wälzend durchs Hirn donnern, und Abermann stöberte dem Wirken des Erich Sex nach, erforschte die Beweggründe dieses dichtenden Lüstlings. Später verpasste er Handkes Publikumsbeschimpfung zeitgenössische Wirksamkeit, in dem er, krampushaft böse, aus der Menge eine arme Seele pickte und diese fest im Auge behaltend klein wie ein Vanillekipferl machte.

Robert Prosser erzählte erst von den Charakterähnlichkeiten zwischen Troubadour und Trickster, was naturgemäß in einem Absatz münden musste, der von Sex im Wald handelte, und las zum Abschluss dieses wilden Abends eine armenische Trinkrede, auf die Toten eigensprachlich eingedeutscht, zu einem Disney-Video (nämlich “Skeleton Dance” aus dem Jahre 1929), und das Ganze, weil‘ s Mischpult ob der Doppelbelastung versagte, ohne Mic. Echte Bühnenprofis haben aber weniger ein Sixpack am Bauch, als ein solches vielmehr in der Lunge, es war daher kein sonderliches Problem, das Publikum ins Totenreich auszuführen.

Markus Koschuh mutierte zum Killer, der Einblick ins alltägliche Handwerk des Tötens gab und seinen Opfern im Traum wiederbegegnete, kaltblütig intonierte er ein dreistrophiges Lied, welches den Himmel als Prachtpalast im weißen Sonnenschein schaute (alles in allem ist Koschuh ja sowieso eine brandgefährliche Mischung aus Ludwig Hirsch und diesem von Josh Hartnett gespielten Sin-City-Charakter, der, um den eignen mordenden Lusttrieb zu befriedigen, ständig Mädels abschleppt und sich dabei nicht einmal von der extra mitgekommenen besten Freundin des Opfers aufhalten lässt) und beschwor im zweiten Teil dementsprechend auch das Triple G: Gesang, Gegröle und Gegrinde, indem er die Leiden eines jungen Liebhabers in der Kassaschlange beschrieb und Tipps parat hatte, wie sich per epileptischer Anfallssimulation möglicherweise ein Zugticket ergaunern lässt.

Barbara Hundegger

Es gab also wieder das übliche von unsrer Seite: viel Booze, Crime, Sex und tote Menschen, dass die Dezemberausgabe unsrer Bühne aber unvergesslich wurde, wie mit Lametta behängt schillernd glitzerte und manche bereits das Christkind hinter der Theke flatternd zu sehen glaubten, lag einzig und allein an unsrem Gast, der Grand-Dame österreichischer Dichtkunst: Barbara Hundegger. Ihre Gedichte zu Quasi Amore, die Felder der Liebe, zum Wir-Begriff, um die Konstruktion von Gemeinschaft und die darin enthaltene Feindlichkeit bloßzulegen, oder Verse zu stillen Kollisionen (der Leichtsinn eines Schwergewichtsboxers, die Brutalität des Behagens, das Tagwerk eines Nachtportiers, die Orgasmusstarre eines Tantrafreaks…) verliehen, charmant konzentriert vorgetragen, dem Abend höhere Weihen.

Wir bedanken uns noch bei den beiden Open Mics: Phil Marie und Agi Steixner (unsrer Gewinnerin des hauseignen Jugendliteraturwettbewerbes 2010 – es funktioniert also doch), man möge die nahenden Feiertage per Laudanum gut überstehen, Geschenke- wie Raketenregen überdauernd den 12. Januar heißherbeiersehnen, denn dann kommt im Sinne Wilhelm Tells (um nach dem eingangs angeführten Klischee des Christkindlmärkte erobernden Italieners auch in Bezug auf die Schweiz ein Stereotyp anzuführen, vor lauter punschträchtiger Adventzeiten gehen die wahrhaft treffenden, pfeilgenauen Metaphern dem Nachberichterstatter nämlich allzu gerne flöten) jener Helvetier ins Moustache geflogen, der in seiner jugendlich saftig-spritzigen Art einem rotschimmernden Apfel gleicht: Christoph Simon.

Die übliche Verbeugung

Hardfacts:
Nächstes T.o.R: 12. Januar 2012, 20Uhr im Moustache, mit Christoph Simon

Die kommenden Aufstände des Frühjahrs

Das Frühjahr freut nicht nur unsere FreundInnen von der gefiederten Zunft, sondern auch sonst alle, die trotz der schlechten Jahreszeit noch halbwegs bei Sinnen sind, deshalb feiern wir von Text ohne Reiter, der frühlingsbegeistertsten Lesebühne, den Beginn der guten Jahreszeit mit ganz besonders guten und schönen Gästen und einem ganz besonders schönen und guten Flyer. Aber seht und lest doch selbst:

t.o.r. flyer fruehjahr 2012, T.o.R.-Logo (c) Pascal-Anne Lavallée Layout (c) Carmen Sulzenbacher

* DO 12.01.12 mit Christoph Simon (Bern)
* DO 09.02.12 mit Max Höfler (Graz)
* DO 08.03.12 mit Marc Carnal (Wien)

Unser Dank gilt wieder einmal Carmen Sulzenbacher fürs Layout des Flyers trotz engster Zeitfenster und das T.o.R.-Logo hat noch immer Pascal-Anne Lavallée entworfen.

Die ganzen Details kommen dann noch zeitnah auf allen magischen Kanälen auf euch zu und ihr hoffentlich zu diesen schönen, guten und wahren Anlässen alle ins Moustache.

T.o.R. am DO 8.12. mit Barbara Hundegger

Barbara Hundegger, Foto (c) Thomas Murauer

Text ohne Reiter, eure liebste kleine Rasselbande der gehobenen Unterhaltung durch hectomatische Texte, ruht auch in der stillsten Zeit im Jahr nicht. Während alle über Glühkindlmarktkaufräusche schimpfen, konzentrieren wir uns auf Wesentliche, nämlich unsere nächste Auflage, die punktgenau und ebenfalls rauschend zum nächsten Hochfest zur Feier einer Glaubensaussage stattfinden wird. Der selbe Sachverhalt etwas anders ausgedrückt: Kommt doch alle am Donnersduck, den 8. Dezember 2011 um Klock 20:00 Uhr ins Moustache und freut euch wie wir auf unsere Gastautorin Barbara Hundegger. Wer auch immer die nicht kennen sollte, geht zuerst mal zur Strafe in die Ecke und findet Informationen, Tatsachen und Lichtbilder zu ihrem Werk und Leben nicht dort, sondern auf ihrer oben verlinkten Website.

Die übrigen üblichen Ingredienzien sind weniger geheim als Vanillekipferlrezeptmetaphern albern sind für alle übrigen Sachverhaltsdarstellungen: Das Stammteam, bestehend aus Abermann, Fritz, Koschuh und Prosser wird sich wieder aus allen Teilen Europas und auch Britanniens kommend versammeln, das Open Mic steht ohne Zweifel wieder einmal für 2×5 Minuten allen Textvortragswilligen aus dem Publikum offen, und gewürzt wird der Abend mit etwas Hirschhornsalz, einer Brise Salz und eurem zahlreichen Erscheinen.

Zusammenfassung des bewährten Erfolgsrezepts gegen Stress, Allergien und Apathie:
DO 8.12.2011 20:00 Uhr im Moustache: T.o.R. mit Barbara Hundegger

Das war T.o.R. im November mit Franziska Holzheimer

Das just einen Tag vorm Karnevalsbeginn endende Bildungsvolksbegehren hatte eine ähnlich hohe Beteiligungsrate wie die Novemberausgabe der alpfidel aufbrausenden Lesebühne „Text ohne Reiter“, was für die politische Agenda desaströs sein mag, für uns aber bedeutete, dass das Moustache erneut aus sämtlichen Ecken und Enden auf die Bühne glotzte; da wurde gedrängelt, geschoben und geflucht, um nur ja ein wenig vom Spektakel mitzubekommen. Wir rückten lustig gleich der Landjugend aus, um einerseits der Volkskultur zu huldigen, andrerseits unser Scherflein zum Bildungsauftrag zu leisten, und vielleicht, wer weiß, gewährt man uns ob des gemsigen Unternehmersinns eines Tages Eingang in die hochgeistigen Gefilde Tirols, und sei’s, dass der Turmbund endlich unsren Mitgliedsantrag annimmt.

franziska holzheimer und martin fritz

Bevor nun also der Fasching seine Schnapszahl würfelte, veranstalteten wir einen der breiten Öffentlichkeit auch in zukünftiger Form aufs bacchanalischste zu empfehlenden Schellensprechlauf, angeführt von der bayrischen Urgewalt Holzheimer Franziska, die wie eine der Fasnacht entschlüpfte Hexe über die Bretter wirbelte, sodass uns allen ob der zur Präsenz destillierten Performance der Obstler im Glas schal wurde. In ihrer elaborierten Art, die das Herz eines jeden Connaisseurs der gepflegten Bühnenpoesie zum Jubilieren brachte, holte sie wahre literarische Glanzlichter hervor, gegen die sogar die Scheinwerfer des Moustache’ wie Katzenaugen an Kinderfahrrädern wirkten: „Erklär mir die Welt, weil Liebe in jedem Falle eine selbstgewählte Falle ist… Liebe gibt es nur, weil es Angst gibt, wer Freiheit will, darf die Einsamkeit nicht fürchten.“ Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, aber damit nicht genug, es folgten dialektal gegen die Saupreißn vorgebrachte Litaneien, Texte, in denen gekotzt und zugleich geliebt wurde, woraufhin der Lesebühne harter Kern versuchte, selber ein paar Höhepunkte und Schlagzeilen aufzufahren, es gab:

Von Stefan Abermann Empfehlungen für den Ernstfall, wenn die beinstarke Freundin (um Hubert von Goiserns These vom Unterschied zwischen Stadt- und Landmädel und deren ungleich starken Wadeln zu widersprechen) den Seelenpartner auf ihren Schultern aus der belagerten Stadt zu tragen hat, sowie eine Enzyklopädie des sanftmütigen, lyrisch veranlagten Lerchendorns (der somit als idealer Gast der Lesebühne identifiziert wurde und vielleicht schon bald die hiesigen Bühnen neobiotätisch entern wird), von Robert Prosser, dem aus Madchester angereisten United-Hooligan, Einblicke in anthropologische Studien zur globalen Kultur der Trinksprüche, deren in Feldforschung gesammelte Beispiele zwar nicht aus englischen Pubs, aber dafür aus Ladakh und dem Brixlegger Montanwerk stammten, und der im weiteren Verlauf des Abends die Tätowierungskünste Armeniens präsentierte, von Martin Fritz folgende Erkenntnis: „Wer nichts ist, ist Essayist“, eine Einsicht, die in Marketingstrategien für Meisenknödel und der Rotphase des Ampelverkehrs mündete, um „Leute ohne Geschmack mit Geschmack zu versorgen“, aber damit nicht genug, Fritz konnte beweisen, dass auch Suppe Storytelling ist, wobei besonders die Rindsknödelsuppeneinlage in literarischer Sicht Aufmerksamkeit verdient, und von Markus Koschuh Beatboxing und Freestyle in Alliterationen, er bot ein Anti Ego Update von Kapierski zum freien Download an, entertainte und zog eine stimmlich ausufernde Show ab, die sich in der zweiten Hälfte tagesaktuell mit den 10 Gründen fortsetzte, warum man das Bildungsvolksbegehren nicht unterschrieben hat, wodurch er die vielschichtige Tragik, die hinter politischem Desinteresse stecken kann, entlarvte (Mehr Fotos von alledem nach dem Klick).

Gedankt sei auch Anita fürs Open Mic, die die Schmerzzustände des Liebeskummers, dieses leidigen Gefühls, das einer Fahrt ins finstere Zentrum eines wimmelnden Ameisenhaufens gleicht, poetisch feinsinnig erfasste; jodelnd und Trachtenhirtenhüte in die Lüfte schleudernd verabschieden wir uns und schielen bereits freudselig auf unsren Dezembertermin.

die übliche verbeugung

HARDFACTS:
nächstes T.o.R.: 08. Dezember 2011, 20Uhr im Moustache, mit: Barbara Hundegger