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T.o.R. am DO 12.1. mit Christoph Simon

christoph simon, foto Adrian Moser

Man kennt das ja: Punschkrapfen, Feuerwerk, Rettungschirm und Weltuntergang, kurz gesagt: Alles ist im Umbruch, aber auf ein paar Konstanten kann man sich auch zum Jahreswechsel verlassen und so steht uns mit der selben Unerbitterlichkeit wie die Vier-Chancen-Tournee und der Spruch “Dick wird man nicht zwischen Weihnachten und Sylvester, sondern zwischen Sylvester und Weihnachten” auch wieder eine Auflage von Text ohne Reiter bevor, der einzigen Sache neben Zweisamkeit und hochheiligem Paar, die traut ist, oder wie manche auch sagen: der anspruchsvoll-unterhaltsamen Lesebühne.

Das alles hilft aber nichts, wenn niemand weiß, wann und wo der ganze Wahnsinn im jungen Jahr 2012 denn losgehen soll, drum schreiben wir dies ja ins Internet hinein: Am Donnersduck, den 12.01.12 Klock 20:00 Uhr geht im Moustache wieder alles von vorne los und zu unserer großen Freude haben wir es endlich geschafft Christoph Simon aus dem schönen Bern als Gastleser begrüßen zu dürfen zu können habenseinwerden. Ebendieser bringt uns hoffentlich Viel Gutes zum kleinen Preis mit und wer ihn nicht kennt (persönlich oder beruflich) kann sich autobiographische Daten und Werkliste mittels Verklicken des Hyperlinks auf seinem Namen oben reinpfeifen, wie man heutzutage so schön sagt. Es gibt eben doch für alle Probleme Rat.

Apropos Rat, die T.o.R.en höchstselbst, als da sind Abermann, Fritz, Koschuh und Prosser werden ebenfalls aus der allgemeinen Glühsekt-, Kaufrausch- und Vanillekipferltränke entsteigen und Texte vortragen, die in allen Lebenslagen Rat, Trost und Kurzweile bringen, das Open Mic steht für 2×5 Minuten allen Textvortragswilligen aus dem Publikum offen, denen nicht davon abgeraten wurde euch allen sei zu zahlreichem und pünktlichen Erscheinen geraten, denn letzteres gebietet ja schon allein die Höflichkeit.

Harte Fakten für Harte Zeiten:
DO 12.01.2012 20:00 Uhr im Moustache: T.o.R. mit Christoph Simon

christoph simon macht auch am tischfussballtisch gute figur

Vorgezogene Weihnacht: Das war T.o.R im Dezember mit Barbara Hundegger

Barbara Hundegger, Stefan Abermann, Martin Fritz

Während sich halb Italien auf Innsbrucks Christkindlmärkten Glögg, Glühwein oder Conditum Paradoxum hinter den Schal goss und in engen Altstadtgassen fröhlich feiernd das Post-Berlusconi-Zeitalters zelebrierte, versuchten wir dem ganzen Einkaufsirrsinn zum Trotz, unsren Lesebühnenfuror selbst im Advent beizubehalten (aber wie man in sämtlichen Baum- und Neuen Mittelschulen Tirols seit ehedem zu lernen pflegt: geht’s dem Tourismus gut, geht’s uns allen gut), wir ließen uns also von den in dieser Woche vollzogenen Brauchtumsauswüchsen a la Perchtenumzug und Hexentanz inspirieren und legten ähnlich höllisch-infernal, das geheime Feuer von Wort und Stimme umtänzelnd, los:

Martin Fritz begann mit einem kryptischen, ähnlich einer Nelkenzwiebel mit Songtiteln gespickten Text, der eine besonders von Schlagertiteln strotzende Plattensammlung offenbarte, letztlich aber Ananasscheiben und Toast Haiti zum Inhalt hatte und von den kleinen Dingen handelte, die viel bewirken: große Biere zum Beispiel – bereits ein versteckter Hinweis darauf, was neben den Top Ten der Gottschalk-Ersatzkandidaten noch kommen würde: Eine Bierkolumne von Tonio Krügerl über die falschen Freunde der Trinker, die mit in Thermoskannen abgefüllten Tee zum Schlittenfahren animieren, dadurch aber auch Einsichten provozieren (wie: Es gibt kein wahres Leben in Flaschen) und den Erfindergeist kitzeln (a la: Konzentration des Hopfengetränkes aufs Wesentliche in Form von löslichen Bierwürfeln).

Stefan Abermann fand auf der Suche nach absoluter Einheit den Heiligen Gral eines jeden feinfühlig zur Feder greifenden, der Poesie zugeneigten Menschen, er entdeckte das Wort, sie alle zu knechten: Sex. Diese drei Buchstaben, vom umtriebigen Sexerich etwa auf Fahrstuhlwände gekritzelt, lösen epochale Nachwehen aus, die per Phantasie wälzend durchs Hirn donnern, und Abermann stöberte dem Wirken des Erich Sex nach, erforschte die Beweggründe dieses dichtenden Lüstlings. Später verpasste er Handkes Publikumsbeschimpfung zeitgenössische Wirksamkeit, in dem er, krampushaft böse, aus der Menge eine arme Seele pickte und diese fest im Auge behaltend klein wie ein Vanillekipferl machte.

Robert Prosser erzählte erst von den Charakterähnlichkeiten zwischen Troubadour und Trickster, was naturgemäß in einem Absatz münden musste, der von Sex im Wald handelte, und las zum Abschluss dieses wilden Abends eine armenische Trinkrede, auf die Toten eigensprachlich eingedeutscht, zu einem Disney-Video (nämlich “Skeleton Dance” aus dem Jahre 1929), und das Ganze, weil‘ s Mischpult ob der Doppelbelastung versagte, ohne Mic. Echte Bühnenprofis haben aber weniger ein Sixpack am Bauch, als ein solches vielmehr in der Lunge, es war daher kein sonderliches Problem, das Publikum ins Totenreich auszuführen.

Markus Koschuh mutierte zum Killer, der Einblick ins alltägliche Handwerk des Tötens gab und seinen Opfern im Traum wiederbegegnete, kaltblütig intonierte er ein dreistrophiges Lied, welches den Himmel als Prachtpalast im weißen Sonnenschein schaute (alles in allem ist Koschuh ja sowieso eine brandgefährliche Mischung aus Ludwig Hirsch und diesem von Josh Hartnett gespielten Sin-City-Charakter, der, um den eignen mordenden Lusttrieb zu befriedigen, ständig Mädels abschleppt und sich dabei nicht einmal von der extra mitgekommenen besten Freundin des Opfers aufhalten lässt) und beschwor im zweiten Teil dementsprechend auch das Triple G: Gesang, Gegröle und Gegrinde, indem er die Leiden eines jungen Liebhabers in der Kassaschlange beschrieb und Tipps parat hatte, wie sich per epileptischer Anfallssimulation möglicherweise ein Zugticket ergaunern lässt.

Barbara Hundegger

Es gab also wieder das übliche von unsrer Seite: viel Booze, Crime, Sex und tote Menschen, dass die Dezemberausgabe unsrer Bühne aber unvergesslich wurde, wie mit Lametta behängt schillernd glitzerte und manche bereits das Christkind hinter der Theke flatternd zu sehen glaubten, lag einzig und allein an unsrem Gast, der Grand-Dame österreichischer Dichtkunst: Barbara Hundegger. Ihre Gedichte zu Quasi Amore, die Felder der Liebe, zum Wir-Begriff, um die Konstruktion von Gemeinschaft und die darin enthaltene Feindlichkeit bloßzulegen, oder Verse zu stillen Kollisionen (der Leichtsinn eines Schwergewichtsboxers, die Brutalität des Behagens, das Tagwerk eines Nachtportiers, die Orgasmusstarre eines Tantrafreaks…) verliehen, charmant konzentriert vorgetragen, dem Abend höhere Weihen.

Wir bedanken uns noch bei den beiden Open Mics: Phil Marie und Agi Steixner (unsrer Gewinnerin des hauseignen Jugendliteraturwettbewerbes 2010 – es funktioniert also doch), man möge die nahenden Feiertage per Laudanum gut überstehen, Geschenke- wie Raketenregen überdauernd den 12. Januar heißherbeiersehnen, denn dann kommt im Sinne Wilhelm Tells (um nach dem eingangs angeführten Klischee des Christkindlmärkte erobernden Italieners auch in Bezug auf die Schweiz ein Stereotyp anzuführen, vor lauter punschträchtiger Adventzeiten gehen die wahrhaft treffenden, pfeilgenauen Metaphern dem Nachberichterstatter nämlich allzu gerne flöten) jener Helvetier ins Moustache geflogen, der in seiner jugendlich saftig-spritzigen Art einem rotschimmernden Apfel gleicht: Christoph Simon.

Die übliche Verbeugung

Hardfacts:
Nächstes T.o.R: 12. Januar 2012, 20Uhr im Moustache, mit Christoph Simon

Die kommenden Aufstände des Frühjahrs

Das Frühjahr freut nicht nur unsere FreundInnen von der gefiederten Zunft, sondern auch sonst alle, die trotz der schlechten Jahreszeit noch halbwegs bei Sinnen sind, deshalb feiern wir von Text ohne Reiter, der frühlingsbegeistertsten Lesebühne, den Beginn der guten Jahreszeit mit ganz besonders guten und schönen Gästen und einem ganz besonders schönen und guten Flyer. Aber seht und lest doch selbst:

t.o.r. flyer fruehjahr 2012, T.o.R.-Logo (c) Pascal-Anne Lavallée Layout (c) Carmen Sulzenbacher

* DO 12.01.12 mit Christoph Simon (Bern)
* DO 09.02.12 mit Max Höfler (Graz)
* DO 08.03.12 mit Marc Carnal (Wien)

Unser Dank gilt wieder einmal Carmen Sulzenbacher fürs Layout des Flyers trotz engster Zeitfenster und das T.o.R.-Logo hat noch immer Pascal-Anne Lavallée entworfen.

Die ganzen Details kommen dann noch zeitnah auf allen magischen Kanälen auf euch zu und ihr hoffentlich zu diesen schönen, guten und wahren Anlässen alle ins Moustache.

T.o.R. am DO 8.12. mit Barbara Hundegger

Barbara Hundegger, Foto (c) Thomas Murauer

Text ohne Reiter, eure liebste kleine Rasselbande der gehobenen Unterhaltung durch hectomatische Texte, ruht auch in der stillsten Zeit im Jahr nicht. Während alle über Glühkindlmarktkaufräusche schimpfen, konzentrieren wir uns auf Wesentliche, nämlich unsere nächste Auflage, die punktgenau und ebenfalls rauschend zum nächsten Hochfest zur Feier einer Glaubensaussage stattfinden wird. Der selbe Sachverhalt etwas anders ausgedrückt: Kommt doch alle am Donnersduck, den 8. Dezember 2011 um Klock 20:00 Uhr ins Moustache und freut euch wie wir auf unsere Gastautorin Barbara Hundegger. Wer auch immer die nicht kennen sollte, geht zuerst mal zur Strafe in die Ecke und findet Informationen, Tatsachen und Lichtbilder zu ihrem Werk und Leben nicht dort, sondern auf ihrer oben verlinkten Website.

Die übrigen üblichen Ingredienzien sind weniger geheim als Vanillekipferlrezeptmetaphern albern sind für alle übrigen Sachverhaltsdarstellungen: Das Stammteam, bestehend aus Abermann, Fritz, Koschuh und Prosser wird sich wieder aus allen Teilen Europas und auch Britanniens kommend versammeln, das Open Mic steht ohne Zweifel wieder einmal für 2×5 Minuten allen Textvortragswilligen aus dem Publikum offen, und gewürzt wird der Abend mit etwas Hirschhornsalz, einer Brise Salz und eurem zahlreichen Erscheinen.

Zusammenfassung des bewährten Erfolgsrezepts gegen Stress, Allergien und Apathie:
DO 8.12.2011 20:00 Uhr im Moustache: T.o.R. mit Barbara Hundegger

Das war T.o.R. im November mit Franziska Holzheimer

Das just einen Tag vorm Karnevalsbeginn endende Bildungsvolksbegehren hatte eine ähnlich hohe Beteiligungsrate wie die Novemberausgabe der alpfidel aufbrausenden Lesebühne „Text ohne Reiter“, was für die politische Agenda desaströs sein mag, für uns aber bedeutete, dass das Moustache erneut aus sämtlichen Ecken und Enden auf die Bühne glotzte; da wurde gedrängelt, geschoben und geflucht, um nur ja ein wenig vom Spektakel mitzubekommen. Wir rückten lustig gleich der Landjugend aus, um einerseits der Volkskultur zu huldigen, andrerseits unser Scherflein zum Bildungsauftrag zu leisten, und vielleicht, wer weiß, gewährt man uns ob des gemsigen Unternehmersinns eines Tages Eingang in die hochgeistigen Gefilde Tirols, und sei’s, dass der Turmbund endlich unsren Mitgliedsantrag annimmt.

franziska holzheimer und martin fritz

Bevor nun also der Fasching seine Schnapszahl würfelte, veranstalteten wir einen der breiten Öffentlichkeit auch in zukünftiger Form aufs bacchanalischste zu empfehlenden Schellensprechlauf, angeführt von der bayrischen Urgewalt Holzheimer Franziska, die wie eine der Fasnacht entschlüpfte Hexe über die Bretter wirbelte, sodass uns allen ob der zur Präsenz destillierten Performance der Obstler im Glas schal wurde. In ihrer elaborierten Art, die das Herz eines jeden Connaisseurs der gepflegten Bühnenpoesie zum Jubilieren brachte, holte sie wahre literarische Glanzlichter hervor, gegen die sogar die Scheinwerfer des Moustache’ wie Katzenaugen an Kinderfahrrädern wirkten: „Erklär mir die Welt, weil Liebe in jedem Falle eine selbstgewählte Falle ist… Liebe gibt es nur, weil es Angst gibt, wer Freiheit will, darf die Einsamkeit nicht fürchten.“ Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, aber damit nicht genug, es folgten dialektal gegen die Saupreißn vorgebrachte Litaneien, Texte, in denen gekotzt und zugleich geliebt wurde, woraufhin der Lesebühne harter Kern versuchte, selber ein paar Höhepunkte und Schlagzeilen aufzufahren, es gab:

Von Stefan Abermann Empfehlungen für den Ernstfall, wenn die beinstarke Freundin (um Hubert von Goiserns These vom Unterschied zwischen Stadt- und Landmädel und deren ungleich starken Wadeln zu widersprechen) den Seelenpartner auf ihren Schultern aus der belagerten Stadt zu tragen hat, sowie eine Enzyklopädie des sanftmütigen, lyrisch veranlagten Lerchendorns (der somit als idealer Gast der Lesebühne identifiziert wurde und vielleicht schon bald die hiesigen Bühnen neobiotätisch entern wird), von Robert Prosser, dem aus Madchester angereisten United-Hooligan, Einblicke in anthropologische Studien zur globalen Kultur der Trinksprüche, deren in Feldforschung gesammelte Beispiele zwar nicht aus englischen Pubs, aber dafür aus Ladakh und dem Brixlegger Montanwerk stammten, und der im weiteren Verlauf des Abends die Tätowierungskünste Armeniens präsentierte, von Martin Fritz folgende Erkenntnis: „Wer nichts ist, ist Essayist“, eine Einsicht, die in Marketingstrategien für Meisenknödel und der Rotphase des Ampelverkehrs mündete, um „Leute ohne Geschmack mit Geschmack zu versorgen“, aber damit nicht genug, Fritz konnte beweisen, dass auch Suppe Storytelling ist, wobei besonders die Rindsknödelsuppeneinlage in literarischer Sicht Aufmerksamkeit verdient, und von Markus Koschuh Beatboxing und Freestyle in Alliterationen, er bot ein Anti Ego Update von Kapierski zum freien Download an, entertainte und zog eine stimmlich ausufernde Show ab, die sich in der zweiten Hälfte tagesaktuell mit den 10 Gründen fortsetzte, warum man das Bildungsvolksbegehren nicht unterschrieben hat, wodurch er die vielschichtige Tragik, die hinter politischem Desinteresse stecken kann, entlarvte (Mehr Fotos von alledem nach dem Klick).

Gedankt sei auch Anita fürs Open Mic, die die Schmerzzustände des Liebeskummers, dieses leidigen Gefühls, das einer Fahrt ins finstere Zentrum eines wimmelnden Ameisenhaufens gleicht, poetisch feinsinnig erfasste; jodelnd und Trachtenhirtenhüte in die Lüfte schleudernd verabschieden wir uns und schielen bereits freudselig auf unsren Dezembertermin.

die übliche verbeugung

HARDFACTS:
nächstes T.o.R.: 08. Dezember 2011, 20Uhr im Moustache, mit: Barbara Hundegger

Das war T.o.R. im Oktober mit den PreisträgerInnen des 4. T.o.R.-Jugend-Literaturpreises

Die übliche Verbeugung
Es ist bekanntermaßen einmal im Jahr sozusagen Ostern, Weihnachten und ein kleines bisschen Nikolo zusammen bei Text ohne Reiter, der westlichsten Lesebühne des Landes, und zwar stets, wenn es darum geht, die PreisträgerInnen des T.o.R.-Jugend-Literaturpreises zu prämieren. Und so war es auch diesmal ein mehr als festliches Zusammentreffen in den Räumlichkeiten des Moustache:

Thomas Schutte
Thomas Schutte eröffnete mit seinem Requiem für einen Post-It-Block.

Franziska Pfister und Carl Pierer
Franziska Pfister und Carl Pierer begeisterten mit einem sinnvollen oder sinnlosen Gespräch zwischen einem Akademiker und einer Otaku.

Linda Achberger
Linda Achberger las ihren Siegertext Blaue Lippen.

Davon abgesehen waren die Stamm-T.o.R.en auch nicht faul und thematisierten neben ihren Laudationes auf die PreisträgerInnen unter anderem auch Vogelaktivitäten und das Dilemma, wenn es einmal schmeckt.

Wie immer gibt es noch mehr Fotos und wie immer ist nach der Lesebühne vor der Lesebühne, seid also wieder mit uns am Donnerstag, den 10.11.2011 um 20:00 Uhr im Moustache und begrüßt mit uns Franziska Holzheimer.

Das war T.o.R. im September mit Patrick Salmen

Patrick Salmen, Koschuh, Stefan Abermann und crazy Kunstfilter

Text ohne Reiter wäre nicht Text ohne Reiter würde nicht sein am ungefähr rechten Fleck angebrachtes Herz für die Kunst schlagen, deswegen dachten wir uns: Legen wir doch im Gimp so einen irren Kunstfilter über das Nachberichteröffnungs-Foto oben, das freut unseren Gast Patrick Salmen sicher ganz besonders, da sieht er dann bei was für einer ziemlich voll crazyen und recht urviel kreativen Lesebühne er da mal wieder war.

Aber funky Metareflexion beiseite, sagen wir es einmal so: Relativ vollkommen abgefahren waren die Texte des Abends, die sich ums Grundthema “Naive und Spontane Lebensfreude” rankten wie Dekoelemente in einem Designergarten: Stefan Abermann eröffnete mit einer Soap Opera im Architekturmillieu und beschloß den Abend mit einer Hochzeitsrede des Grauens, Martin Fritz spielte inzwischen mal wieder mit seinen schönsten Urlaubserlebnissen Lyrikbingo und berichtete von den Freuden des Alters und Dandytums, während Koschuh Touristen verhonepipelte und den Abermann hommagierte und Robert Prosser weilte während all dieser Zwischenzeiten im mondänen Berg Karabach. Irgendwo heult ein Wolf. Am Open Mic entlarvte Phil Marie den Rausch und die Zivilisation als Opium fürs Volk, das uns vom Durchblick auf die Realität ablenkt und Josef Benender brachte dem Publikum im Café Moustache Gebirgslyrik näher.

Patrick Salmen ohne Kunstfilter, also alle Ironie härterer Gangart beiseite: Was ist besser?

Stargast Patrick Salmen erzählte von seiner ungefähr ehrlich und tief empfundenen Freude über einen Diavortrag vom Eifelturm und überhaupt seiner Vorliebe für alles Menschliche und Verkünstelte und fand damit ebenso Gleichgesinnte wie mit seinem ziemlich unglamourösen Berufwunsch Schornsteinfeger, dem Aufstoßen des kleinen Mannes. Es menschelte also wie im Frühstücksfernsehen, der Hugo floß in Strömen, kesse Sprüche alles dabei, ein Idyll wie in Coby County alles in allem. Und denen, die behaupten, es sei anders gewesen, sei gesagt: Wir haben eine Axt.

Noch mehr kesse Fotos gibt es hier, eine zweite Meinung zum Geschehenen hier und das nächste Mal gibt es das ganze Rambazamba am Donnerstag, den 13.10.2011 mit den PreisträgerInnen des 4. T.o.R.-Jugend-Literaturpreises.

Die kommenden Aufstände

Mit einer Mischung aus Hahnentritt und Space Invaders (aber das kennt ihr ja beides alle nicht mehr…) kündigt die Abteilung für Aufklärung, Tarnen und Täuschen der Textperformanzgruppe Text ohne Reiter die kommenden Termine, Gäste und Spektakel an (Dank gebührt mal wieder Carmen Sulzenbacher fürs Layout des Flyers und das T.o.R.-Logo hat immer noch Pascal-Anne Lavallée entworfen):

der t.o.r. flyer herbst 2011 T.o.R.-Logo (c) Pascal-Anne Lavallée Layout (c) Carmen Sulzenbacher

Und hier noch einmal in der Textversion für alle unserer Fans, die kontrastschwache Bildschirme oder unterkorrigierte Fehlsichtigkeit haben oder die keine Menschen, sondern Suchmaschinen sind:

* DO 08.09. mit Patrick Salmen (Wuppertal)
* DO 13.10. mit den PreisträgerInnen des 4. T.o.R.-Jugend-Literaturpreises
* DO 10.11. mit Franziska Holzheimer (München)
* DO 08.12. mit Barbara Hundegger (Innsbruck)

Schon bei der Erstlektüre wird klar, dass unsere Abteilung für Große Pläne für die Zukunft, Einladungspolitik und Vierterminsplanung mal wieder nicht Schmalhans Küchenmeister hat sein lassen, oder wie das heute wohl heißt: geil abgeliefert hat und so bleibt uns doch bitte gewogen, wir werden es auch bleiben und die ganzen Details bekommt ihr dann immer jeweils just in time ins Browserhaus geliefert.

T.o.R. am DO 9.6. mit W.i.R. Frank Klötgen

frank kloetgen bei t.o.r. (c) carmen sulzenbacher

Verausgabung und Überschwang, diese beiden so ungleichen Brüder im Geiste, sind bekanntermaßen direkt Synonyme für Text ohne Reiter, dieses immer noch südlichste Hörbuchsurrogat (oder wie andere auch sagen: Lesebühne) des deutschsprachigen Sprachraums. Jetzt steht natürlich die rhetorische Frage im Raum wie die metaphorischen Orgelpfeifen: Woher nimmt T.o.R. eigentlich diese enorme Kraft für die monatlichen Performanz-Exzesse? Nun, die Antwort ist so einfach wie die Beckenrandsprungfigur “Kerze” (übrigens Voraussetzung für den Pinguin-Schein), denn natürlich steht auch hinter einer erfolgreichen Lesebühne stets eine erfolgreiche Alma Mater, deren nährende Kraft unsere zehrende Maßlosigkeit erst möglich und notwendig macht. Konkret: Unsere Leopold-Franzens-Universität überhäuft uns nicht nur mit Erkenntnis und W-LAN in der Bibliothek, sondern beschafft uns auch unseren Gast im Juno.

Der heißt nämlich Frank Klötgen, reüssierte bekanntermaßen schon einmal bei T.o.R. (weswegen zu seiner Vorstellung nebst z.B. diesem Video nur mehr auf diese Kurzbio verwiesen werden muss), und ist ferner auch noch Writer in Residence 2011 der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck.

folder writer in residence 2011 seite1
folder writer in residence 2011 seite2
Ein Blick auf den Folder des W.i.R.

Dem Wahrnehmen des gesamten Veranstaltungsprogramms während Klötgens Aufenthalt können wir natürlich nur unsere Empfehlung ausstellen, wenngleich auch sein bester Innsbruck-Auftritt voraussichtlich und geplanterweise bei uns stattfinden wird. Denn die Stamm-T.o.R.en Abermann, Fritz, Koschuh und Prosser können es schon kaum mehr Erwarten, sich ein letztes Mal vor der Sommerpause im Moustache pünktlich ab 20:00 Uhr derart kaputtzuruinieren, dass kein noch so kleiner Funken Kraft oder Verstand mehr übrig bleibt, getreu dem Vereinsmotto: Bis weit über alle vernünftigen Grade der Erschöpfung hinaus voller Einsatz nur fürs Publikum und für die Poesie. Open Mic-Gelegenheit für 2×5 Minuten gibt es natürlich auch wieder, also tanzt mit uns noch ein letztes Mal vor dem Sommer auf dem Vulkan der Vortragskunst.

Konklusio für SchnelldurchscrollerInnen:
DO 9.5. 20:00 @Moustache T.o.R. mit Frank Klötgen (Berlin)

ein Maibaumfest der Sprache: T.o.R mit Mia Pittroff

Koschuh und Abermann, n.b. die Katze im Fenster

Die neuzeitlichen T.o.R.-Gorgonen nahmen selbstverständlich auch den Mai zum Anlass, um mythenlastige Tragödien mit juvenil-erfrischendem Humor verbindend in Schwalbenmäulchen flatternde Spruchbänder der frühlingshaft-zwinkernden Wortlust in den Blauhimmel zuoberst von Innsbruck zu entsenden, woraufhin sich das Publikum, dessen Zahl erneut Legion war, Tränen der Rührung, der Freude und der bloßen Überraschung von den Wangen zu wischen hatte, selbst wenn Martin Fritzens Abwesenheit glänzte wie des Perseus‘ Schild, doch wie es Medusenschlangenhäupter an sich haben: rollt der eine Charakterkopf in Richtung Voest davon, um an deren Rändern vom WWW und dessen möglicher Bedeutung im Zeitalter der Literatur zu sprechen, so geben die verbliebenen, nicht in die weite Welt entsandten Schnauzbärte ein unüberhörbares Geheul von sich, dem sich als Open Mics Phillip Peer und Hannes Blamayer anschlossen (dessen Text über Liebeswirren auf Malta aufgrund des eindeutig aus dem Unterland stammenden Dialektes von niemandem verstanden wurde, außer von Prosser, der sich allerdings sehr darüber amüsierte – warum auch immer), und mag man Schnauzer in unsrem Bizness auch als Pornobalken bezeichnen, nichts desto trotz wurde alles vom Gast MIA PITTROFF überragt, der schwäbelnd lieblich säuselnden Kabarettgewalt, die auf Bühnenbrettern liegend mit Energiekreisen nicht nur unsre aller Lieblingsbar Moustache in Vibration versetzte, sondern auch Mantras durch den Flüsterbogen (Innsbrucks one and only Wahrzeichen!) auf ewig hin und her jagte, ja, Pittroff hinterließ bleibende Satori-Effekte, da sie nicht nur mit (Achtung, O-Ton:) ficktiefen Einblicken in Sanifair-Raststättentoiletten-Markstrategien überraschte, sondern auch nachweislich den Buddhismus in fränkischen Landen zu lokalisieren wusste. Davor, danach und dazwischen pries Koschuh Prosser, den er als „eigentlich nett“ entlarvte, wobei dass schon wieder sehr gemein ist (da sage man doch gleich Robi zu ihm), und legte den Weltuntergang auf 21. Mai 2011 fest, um diesen dennoch zu verschieben, in einer Wankelmut, in welcher ihm Abermann samt Sektenführerambitionen in nichts nachstand, schwor dieser, also Abermann, das Publikum doch zudem auf die Überfremdung der Lesebühnen durch fremdländische Gäste ein, wobei er dankenswerterweise unsrem, die Herzen des Publikums – als wären es kleine, weißblühende Kastanienblüten, die der Wind von Zweigen zupft – einsammelnden Gast ein Bleiberecht genehmigte, während Prosser von Halluzinogenbömbchen erzählte, die schwer drogenabhängige Ex-Marathonläufer als feiste Barockengel enttarnen, und von der Diktatur in Syrien berichtend dem Lokalgewölbe nachdenkliche Stille bescherte.

Koschuh und Abermann, n.b. den Büchertisch
(Mehr Fotos nicht nur vom Büchertisch hier)

Am Ende dieser verzwickten, vereckten Schachtelsätze, zwischen denen der eigentlich zu beschreibende Auftritt immer wieder davon springt wie Schrödingers Katze, die ums Verrecken nicht sterben will, weil ja auch Innsbrucks erste und einzige Lesebühne für die Ewigkeit geschaffen ist, öffnen wir von Satzglied zu Satzglied Box um Box, um uns wie am Ende des Abends den Schweiß von der Stirn zu wischen, den Unglücklichen, die all diesen Bühnenwahnsinn versäumt haben, werden wir mitleidig auf die Schulter klopfen, aber warum von etwas sprechen, dessen Präsenz Performanz in Reinkultur ist, deshalb sei noch ausgerufen:

Die nächste Text ohne Reiter – Extravaganza rückt am 09. Juni 2011 um 20 Uhr in die Bierzeltatmosphäre des Moustache aus, mit niemand geringerem als Innsbrucks Writer in Residence FRANK KLÖTGEN am Mic.