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Viel Blut und noch mehr Katzen: das war T.o.R. im November

T.o.R. im November 2012

„American Beer is like Sex on a Boat. Fucking close to water” sei ein Sketch von Monty Pyhton zitiert, um zu veranschaulichen, wie sehr das Gegenteil auf Westösterreichs einzige Lesebühne zutrifft: Text ohne Reiter ist das, was Alkoholiker gerne trinken würden, wenn der Stroh-Rum fertig und die Flasche mit Klosterfrau Melissengeist leer ist, denn wäre Text ohne Reiter selbstgepanschter russischer Wodka, würde dieser nicht nur blind, sondern auch katatonisch machen. Jede vorgetragene Punchline ist ein kleiner, unerbittlicher Chuck Norris und bei der Geburt aß Text ohne Reiter den Mutterkuchen.

T.o.R. im November 2012

Dieses Sprachbild wurde von niemand geringerem als unserem Novembergast höchstpersönlich geklaut: Diego Häberli. Diego, Slamdichter von zorniger Götter Gnaden, angereist aus Bern, der an den Ufern der Würst gelegenen Bastion ergreifender literarischer Performanz eidgenössischen Zungenschlages. Er wechselte gekonnt wie später beim Tischfussball die Seiten, tanzte wie eine höllische Ballerina Schwanenseewellen zu Worten wandelnd durch die Köpfe des Publikums. Er deklamierte, schmeichelte, schrie und erzählte unter anderem vom Winter am Strand, von Gedanken wie Untiefen, und Drogen, die wir selbst sind. Branntwein gurgelnd Wohlfühlfassaden hochgezogen tauchte er ein ausuferndes Fleischliebegedicht aus der Blutsuppe. Des Metzgers Kinder entleiben darin Schweine, selchen Herzen, werfen wortwörtlich Augen und geben dem Sehnen nach Sehnen poetischen Ausdruck. Dem hingerissenen Publikum gab Häberli einige Fragen mit, über die nachzudenken es sich lohnt: Ist es Wahnsinn, einen Schüler durch ein Sieb zu drücken, um zu sehen, was hängen geblieben ist? Einer Frau Besteck auf den Bauch zu legen, um ihr mitzuteilen, dass man sie satt hat?

T.o.R. im November 2012

Fleischlich ging es weiter, Stefan Abermann zitierte frisch vom Metzgerbeil ein schönes Rezept zu einem hässlichen Gericht, nämlich zum Beuschl. Essen ist bekanntlich der Sex des Alters, die Zubereitung des Beuschls wurde daher zum Eintritt ins Serail, man wasche das Wurzelgemüse, schäle die Karotte, und während der Atem schon flach wird, pocht die Brust vor Lust, die Lunge liegt zerstückelt im kalten Wasser, das Herz bleibt im kochenden Topf. Abermann führte das Publikum weiters anhand eines Schärdinger Werbespots per Kamerafahrt zu einem Bauern, der sich die Finger wärmt, bevor er der Kuh an die Euter greift. Käseleiber werden eifrigst gestreichelt, denn dieser Werbespot ist nichts andres als unser Land. Unser Land. Dieser Werbespot erklärt Österreich: Im Herzen sind wir einfach Bauern.

T.o.R. im November 2012

Robert Prosser läutete eine Art Trendwende des Abends ein, weg vom Milieu der Beuschl und Essvorlieben, hin zu jener Zeit, in welcher alle Katzen gleich und sich die verschiedensten Dinge ausprobieren lassen. Er las einmal eine tragische Ehegeschichte aus dem armenischen Kaukasus, mehr oder minder sein derzeitiges Leibsthema, und führte in die nächtlichen, kriminellen Aspekte der Kunst. Prosser trug die rhythmisiertpoetischen Streifzüge eines Graffitisprayers vor, der UBahntunnel entert und auf Dächer kraxelt, um der Stadt, der kollektiven Chamäleonhaut, den Farbreflex zu verpassen.

T.o.R. im November 2012

Martin Fritz brachte ein Essay zum Themengebiet „Natur und Technik“, worin die Menschheit mit wissenschaftlichen Errungenschaften wie der Haustierschabe erfreut wird. Katzengroß und niemals wieder totzukriegen, transportiert diese Zierpflanzen durch die Wohnung, ähnlich sinnvoll wie die gleichsam zu Katzen angeschwollenen Bienen, die in ihren Mäulern exakt einen halben Liter Flüssigkeit behalten können und somit Biergläser aichen. In der zweiten Hälfte des Abends bat Fritz Hannes Blamayer auf die Bühne und präsentierte das Team Feuerspeiende Katze. Langsam entwickelt sich dank des traurigen Liebesgedichtes auf eine feuerspeiende Katze eine Performance fleuve in Martin Fritz‘ Bühnenschaffen, mit dem bereits einige Male genannten miauenden Mietzvieh als Inhalt. Aber Katzenaugen sind nicht nur Konfekt, T.F.S.K. lässt vielmehr auf kommende Shows hoffen, denn Zukunft ist die Freiheit der gegenwärtigen Vergangenheit.

Zwischendrin gab es sogar ein Open Mic, David trug seine Gedanken zu Schein und Sein vor, wenn Menschen sich Ideale schaffen, die vom Alltagsleben nicht geduldet werden. Das erste Mal auf der Bühne und sogleich souverän abgeliefert – Paolo Coelho zu lesen ist sicherlich schadhafter, als David zuzuhören.

Dieser kurze Nachbericht mag Zeugnis ablegen von den Bemühungen der Lesebühne, die Abwesenheit von Markus Koschuh, der in Rosenheim weilend unter den Fittichen von Karl Moik zum neuen Florian Silbereisen aufgebaut wurde, zu verkraften. Freuen wir uns also auf den 13. Dezember 2012, wenn die letzte Lesebühnenshow des Jahres 2012 das Moustache in den einzig wahren, den einzig echten Christkindlmarktes des Alpenraums zu verwandeln gedenkt, eine Mission, die besonders auf den aktuellen Bäckerei Poetry Slam-Champ Mario Tomic setzt.

Hard Facts:
Nächstes T.o.R.: 13. 12. 2012, 20 Uhr, Moustache, mit: Mario Tomic

T.o.R. im November 2012

T.o.R. am 8.11. mit Diego Häberli

diego häberli

Die Arbeitsgruppe Polysemie und Ambiguität, oder wie andere auch sagen: Text ohne Reiter, die Innbrucker Lesebühne, taumelt bekanntlich stets changierend zwischen Wahnsinn und Licht durch den Jahreskreis, kümmert sich dabei wenig um Faschingsbeginn, erste Lebkuchen im Einzelhandel oder Martinstag, sondern behält stoisch und unbeirrt wie ein Eichhörnchen ihren Rhythmus bei, der es so will, dass am Donnerstag, den 08. November 2012 um 20:00 Uhr schon wieder die lichtscheuen Herumtreiber und Tunichtgute, oder wie andere auch sagen würden: Stammautoren Abermann, Fritz, Koschuh und Prosser in Moustache erscheinen werden.

Doch damit nicht genug: Es darf schon jetzt verraten werden, dass Diego Häberli aus dem schönen Bern angereist kommt. Wahrheit und Dichtung seine Person betreffend sind dem Internet unter dem oben verlinkten Hyperlink zu entnehmen, seine Literaturperformanzkompetenz ist jedenfalls, so viel sei unter uns schon mal gesagt, über jeden Zweifel und Tadel erhaben.

Alle weiteren Zusatzleistungen und Ausschweifungen wie Open Mic für 2×5 Minuten für Textvortragswillige aus dem Publikum und strikt exerzierte Beginnzeit bleiben naturgemäß wie sie eh und je schon waren.

Eindeutig kurzes Briefing:
Do 08.11. 20:00h Moustache: T.o.R. mit Diego Häberli

Das Ende der Sommerpause

Die gegen Ende der Sommerpause am häufigsten an Element of Crime denkende Performanzgruppe des Landes, oder wie andere auch sagen: Text ohne Reiter, die Innsbrucker Lesebühne, veröffentlicht hiermit mit Stolz und Dringlichkeit die in der schönsten Zeit des Jahres ausgeheckten Pläne für die kommenden Monate:

T.o.R. Flyer Herbst 2012

DO 13.09.12 mit Andreas Plammer (Wien)
DO 11.10.12 mit Barbi Markovic (Wien)
DO 08.11.12 mit Diego Häberli (Bern)

Sämtliche Pferde so schön ins Werk gesetzt hat wie immer Carmen Sulzenbacher und die ganzen dreckigen Details, Daten und Fakten und vielleicht sogar auch die eine oder andere Informatiaun wird euch rechtzeitig, kurzfristig und on demand hier erreichen und überall sonst, wo wir sie ins Internet schreiben, damit ihr dann alle wieder zur rechten Zeit am rechten Ort, nämlich dem fabelhaften Moustache sein werdet. Es ist doch ohnedies schon längst zu spät, um jetzt noch aufzuhören, also fangt gar nicht erst damit an, nicht mehr zu erscheinen, wir tun es ja auch nicht.