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Vorgezogene Weihnacht: Das war T.o.R im Dezember mit Barbara Hundegger

Barbara Hundegger, Stefan Abermann, Martin Fritz

Während sich halb Italien auf Innsbrucks Christkindlmärkten Glögg, Glühwein oder Conditum Paradoxum hinter den Schal goss und in engen Altstadtgassen fröhlich feiernd das Post-Berlusconi-Zeitalters zelebrierte, versuchten wir dem ganzen Einkaufsirrsinn zum Trotz, unsren Lesebühnenfuror selbst im Advent beizubehalten (aber wie man in sämtlichen Baum- und Neuen Mittelschulen Tirols seit ehedem zu lernen pflegt: geht’s dem Tourismus gut, geht’s uns allen gut), wir ließen uns also von den in dieser Woche vollzogenen Brauchtumsauswüchsen a la Perchtenumzug und Hexentanz inspirieren und legten ähnlich höllisch-infernal, das geheime Feuer von Wort und Stimme umtänzelnd, los:

Martin Fritz begann mit einem kryptischen, ähnlich einer Nelkenzwiebel mit Songtiteln gespickten Text, der eine besonders von Schlagertiteln strotzende Plattensammlung offenbarte, letztlich aber Ananasscheiben und Toast Haiti zum Inhalt hatte und von den kleinen Dingen handelte, die viel bewirken: große Biere zum Beispiel – bereits ein versteckter Hinweis darauf, was neben den Top Ten der Gottschalk-Ersatzkandidaten noch kommen würde: Eine Bierkolumne von Tonio Krügerl über die falschen Freunde der Trinker, die mit in Thermoskannen abgefüllten Tee zum Schlittenfahren animieren, dadurch aber auch Einsichten provozieren (wie: Es gibt kein wahres Leben in Flaschen) und den Erfindergeist kitzeln (a la: Konzentration des Hopfengetränkes aufs Wesentliche in Form von löslichen Bierwürfeln).

Stefan Abermann fand auf der Suche nach absoluter Einheit den Heiligen Gral eines jeden feinfühlig zur Feder greifenden, der Poesie zugeneigten Menschen, er entdeckte das Wort, sie alle zu knechten: Sex. Diese drei Buchstaben, vom umtriebigen Sexerich etwa auf Fahrstuhlwände gekritzelt, lösen epochale Nachwehen aus, die per Phantasie wälzend durchs Hirn donnern, und Abermann stöberte dem Wirken des Erich Sex nach, erforschte die Beweggründe dieses dichtenden Lüstlings. Später verpasste er Handkes Publikumsbeschimpfung zeitgenössische Wirksamkeit, in dem er, krampushaft böse, aus der Menge eine arme Seele pickte und diese fest im Auge behaltend klein wie ein Vanillekipferl machte.

Robert Prosser erzählte erst von den Charakterähnlichkeiten zwischen Troubadour und Trickster, was naturgemäß in einem Absatz münden musste, der von Sex im Wald handelte, und las zum Abschluss dieses wilden Abends eine armenische Trinkrede, auf die Toten eigensprachlich eingedeutscht, zu einem Disney-Video (nämlich “Skeleton Dance” aus dem Jahre 1929), und das Ganze, weil‘ s Mischpult ob der Doppelbelastung versagte, ohne Mic. Echte Bühnenprofis haben aber weniger ein Sixpack am Bauch, als ein solches vielmehr in der Lunge, es war daher kein sonderliches Problem, das Publikum ins Totenreich auszuführen.

Markus Koschuh mutierte zum Killer, der Einblick ins alltägliche Handwerk des Tötens gab und seinen Opfern im Traum wiederbegegnete, kaltblütig intonierte er ein dreistrophiges Lied, welches den Himmel als Prachtpalast im weißen Sonnenschein schaute (alles in allem ist Koschuh ja sowieso eine brandgefährliche Mischung aus Ludwig Hirsch und diesem von Josh Hartnett gespielten Sin-City-Charakter, der, um den eignen mordenden Lusttrieb zu befriedigen, ständig Mädels abschleppt und sich dabei nicht einmal von der extra mitgekommenen besten Freundin des Opfers aufhalten lässt) und beschwor im zweiten Teil dementsprechend auch das Triple G: Gesang, Gegröle und Gegrinde, indem er die Leiden eines jungen Liebhabers in der Kassaschlange beschrieb und Tipps parat hatte, wie sich per epileptischer Anfallssimulation möglicherweise ein Zugticket ergaunern lässt.

Barbara Hundegger

Es gab also wieder das übliche von unsrer Seite: viel Booze, Crime, Sex und tote Menschen, dass die Dezemberausgabe unsrer Bühne aber unvergesslich wurde, wie mit Lametta behängt schillernd glitzerte und manche bereits das Christkind hinter der Theke flatternd zu sehen glaubten, lag einzig und allein an unsrem Gast, der Grand-Dame österreichischer Dichtkunst: Barbara Hundegger. Ihre Gedichte zu Quasi Amore, die Felder der Liebe, zum Wir-Begriff, um die Konstruktion von Gemeinschaft und die darin enthaltene Feindlichkeit bloßzulegen, oder Verse zu stillen Kollisionen (der Leichtsinn eines Schwergewichtsboxers, die Brutalität des Behagens, das Tagwerk eines Nachtportiers, die Orgasmusstarre eines Tantrafreaks…) verliehen, charmant konzentriert vorgetragen, dem Abend höhere Weihen.

Wir bedanken uns noch bei den beiden Open Mics: Phil Marie und Agi Steixner (unsrer Gewinnerin des hauseignen Jugendliteraturwettbewerbes 2010 – es funktioniert also doch), man möge die nahenden Feiertage per Laudanum gut überstehen, Geschenke- wie Raketenregen überdauernd den 12. Januar heißherbeiersehnen, denn dann kommt im Sinne Wilhelm Tells (um nach dem eingangs angeführten Klischee des Christkindlmärkte erobernden Italieners auch in Bezug auf die Schweiz ein Stereotyp anzuführen, vor lauter punschträchtiger Adventzeiten gehen die wahrhaft treffenden, pfeilgenauen Metaphern dem Nachberichterstatter nämlich allzu gerne flöten) jener Helvetier ins Moustache geflogen, der in seiner jugendlich saftig-spritzigen Art einem rotschimmernden Apfel gleicht: Christoph Simon.

Die übliche Verbeugung

Hardfacts:
Nächstes T.o.R: 12. Januar 2012, 20Uhr im Moustache, mit Christoph Simon

T.o.R. am DO 8.12. mit Barbara Hundegger

Barbara Hundegger, Foto (c) Thomas Murauer

Text ohne Reiter, eure liebste kleine Rasselbande der gehobenen Unterhaltung durch hectomatische Texte, ruht auch in der stillsten Zeit im Jahr nicht. Während alle über Glühkindlmarktkaufräusche schimpfen, konzentrieren wir uns auf Wesentliche, nämlich unsere nächste Auflage, die punktgenau und ebenfalls rauschend zum nächsten Hochfest zur Feier einer Glaubensaussage stattfinden wird. Der selbe Sachverhalt etwas anders ausgedrückt: Kommt doch alle am Donnersduck, den 8. Dezember 2011 um Klock 20:00 Uhr ins Moustache und freut euch wie wir auf unsere Gastautorin Barbara Hundegger. Wer auch immer die nicht kennen sollte, geht zuerst mal zur Strafe in die Ecke und findet Informationen, Tatsachen und Lichtbilder zu ihrem Werk und Leben nicht dort, sondern auf ihrer oben verlinkten Website.

Die übrigen üblichen Ingredienzien sind weniger geheim als Vanillekipferlrezeptmetaphern albern sind für alle übrigen Sachverhaltsdarstellungen: Das Stammteam, bestehend aus Abermann, Fritz, Koschuh und Prosser wird sich wieder aus allen Teilen Europas und auch Britanniens kommend versammeln, das Open Mic steht ohne Zweifel wieder einmal für 2×5 Minuten allen Textvortragswilligen aus dem Publikum offen, und gewürzt wird der Abend mit etwas Hirschhornsalz, einer Brise Salz und eurem zahlreichen Erscheinen.

Zusammenfassung des bewährten Erfolgsrezepts gegen Stress, Allergien und Apathie:
DO 8.12.2011 20:00 Uhr im Moustache: T.o.R. mit Barbara Hundegger

Die kommenden Aufstände

Mit einer Mischung aus Hahnentritt und Space Invaders (aber das kennt ihr ja beides alle nicht mehr…) kündigt die Abteilung für Aufklärung, Tarnen und Täuschen der Textperformanzgruppe Text ohne Reiter die kommenden Termine, Gäste und Spektakel an (Dank gebührt mal wieder Carmen Sulzenbacher fürs Layout des Flyers und das T.o.R.-Logo hat immer noch Pascal-Anne Lavallée entworfen):

der t.o.r. flyer herbst 2011 T.o.R.-Logo (c) Pascal-Anne Lavallée Layout (c) Carmen Sulzenbacher

Und hier noch einmal in der Textversion für alle unserer Fans, die kontrastschwache Bildschirme oder unterkorrigierte Fehlsichtigkeit haben oder die keine Menschen, sondern Suchmaschinen sind:

* DO 08.09. mit Patrick Salmen (Wuppertal)
* DO 13.10. mit den PreisträgerInnen des 4. T.o.R.-Jugend-Literaturpreises
* DO 10.11. mit Franziska Holzheimer (München)
* DO 08.12. mit Barbara Hundegger (Innsbruck)

Schon bei der Erstlektüre wird klar, dass unsere Abteilung für Große Pläne für die Zukunft, Einladungspolitik und Vierterminsplanung mal wieder nicht Schmalhans Küchenmeister hat sein lassen, oder wie das heute wohl heißt: geil abgeliefert hat und so bleibt uns doch bitte gewogen, wir werden es auch bleiben und die ganzen Details bekommt ihr dann immer jeweils just in time ins Browserhaus geliefert.