Palindromatische Hasselhoffoden: Das war T.o.R. im Jänner 2014

die karin

Die Liebe ist Sieger; stets rege ist sie bei Leid – so ließe sich die vergangene Show in einem Leitsatz einfangen, da es dem jüngsten Höhepunkt unseres Bühnenlebens weder vor großem Gefühl noch vor kluger Gesellschaftskritik die Sprache verschlug. Der Start ins Jahr 2014 war Performanz gewordener Furor und einer jener glücklichen Momente, die ein Künstlerdasein so kostbar machen, begeisterte dieser Abend Mitte Januar doch Publikum und Vortragende gleichermaßen. Zwar weiß Text ohne Reiter zu jeder Tages- wie Jahreszeit zu überzeugen und nimmt in dieser Eigenart die Charaktereigenschaften eines Palindroms an, welches sich weniger an ein bestimmtes Zeichensystem hält und von vorn nach hinten sowie retour lesbar wäre, als es vielmehr durch Raum und Zeit reicht und da wie dort immer gut ist, der Jänner-Ausritt aber wird uns nachdrücklich im Gedächtnis bleiben.

Diese Unvergesslichkeit ist insbesondere unserer Gästin zuzuschreiben: die Karin (bzw. grammatikalisch richtig, als Künstlernamen jedoch nur mäßig geeignet: der Karin), die für den heimischen Slam das ist, was die Voest für Linz symbolisiert: ein Kraftfeld surrender Grazie und dampfender Wut. Sie, also Karin, bot ein Feuerwerk an Idee und Themenvielfalt, sodass man regelrecht zu spüren glaubte, wie das vergangene Silvester im Nachhinein neidisch erblasste. Erstmals in unserer nicht nicht langen Geschichte wurde ein Text vorgetragen, der auf den Namen der Lokalität Bezug nahm, in „Ich oder mein Schnurrbart oder: Moustache“ sinnerte die Karin über ein Wort, das man sich auf der Oberlippe zergehen lassen kann und dessen Besitz einer Frau echte, wahre Emanzipation ermöglichen würde. Vom Pornobalken ging es weiter zum Anthropologie-Studium und den damit verbundenen mangelhaften Anerkennung vonseiten der Mitmenschen. Darin enthalten war (zumindest aus der Sicht des Nachberichtschreibers, der selbst ein Studium der Kultur- und Sozialanthroplogie mit Genuß absolviert hat) der Witz des Abends, den nachzuerzählen wenig Sinn macht, weil die nötigen Hinweise auf Margaret Mead u.ä. den Rahmen dieser kurzen Zusammenfassung sprengen würden, es ging auf jeden Fall um die in Hinblick auf die verwandtschaftlich Lineage korrekte Antwort auf einen Verbalangriff a la Deine Mutter.
Weiters wurde radgefahren, mit der leisen Hoffnung, wie im Film “Mädchen, Mädchen” durch Orgasmen belohnt zu werden, und sich mit der Touristen-Plage rumgeschlagen, deren erfolgreiche Abwehr in einer Aussage kulminierte, die auf Tshirts zu drucken sich anbietet: Wir sprechen Deutsch, Österreichisch und Dialekt, Oida! Und wenn es jemand nicht versteht, dann reden wir halt langsam.
Das Publikum war hin und weg und wir erst recht, tief verbeugten wir uns vor der Karin (die Karin), und stolperten im Versuch, mit Prinzessinenknicksen und Kratzfüßchen unserer Bewunderung Ausdruck zu verleihen, tolpatschig durch die Gegend.

t.o.r.-chor

Damit nicht genug wusste die Jänner-Auflage unseres Spektakels mit Themen aufzuwarten, die sich in zwei Schwerpunkte zu bündeln bequemen:

Leibliche Ausschweifung: Stefan Abermann las von einem Körper von Gewicht, der Hosen schrumpfen und neue Muskeln wachsen lässt und sich, ähnlich dem Universum, immer weiter ausbreitet, bis der einzige Gesprächsraum, der bleibt, nur mehr eine Frage erlaubt: isst du das noch?
Passenderweise wusste Markus Koschuh ein Rezept aus Mein Mampf einzustreuen, nämlich Hühnchen braun. Martin Fritz trug eine Fake Amazon-Review zum Erotischen Landmaschinenkalender 2014 vor, welcher vom Rezensenten ob des eklatant ausgestellten Sex-Appeals nur einen Stern verliehen bekam.
Robert Prosser brachte ein Märchen von einem Frosch, der reihenweise Frauen unglücklich macht. Eingeleitet wurde diese gleichsam als Fake-Amazon-Review getarnte Neudeutung märchenhaften Materiales mit Live-Karaoke zu Du von David Hasselhoff. Ganz großes Kino. Man kann es nicht oft genug betonen: nichts macht so glücklich, als wie laut und ohne Rücksicht auf gesellschaftlichen Status zu singen. Und ja, wenn Hasselhoff seine Pisse trinkt, riecht sein Spargel komisch.

Linguistische Extravaganza: Stefan Abermann entlockte dem Google Translator Phrasen, die zwischen grenzgenial und Bundy changierten: Vielleicht bin ich in meinem Kopf. Dieser Mann ist nicht ihre Macker. Du bist ein gutes Mädchen. Markus „sind wir mal froh, dass der Nachberichtschreiber die Notizen vom Dezember verloren hat und nicht den leisesten Verdacht hegt, dass da jemand einen bereits im Monat zuvor dargebrachten Text vortrug“ Koschuh blickte in die Zukunft, in welcher Prosser den Abermann Hund erschossen hat und gab von sich preis, ein zutiefst kindliches Kind gewesen zu sein, das gerne Nudelbrot aß (oder war es doch Nutellabrot?) Martin Fritz bot ein Worst-of-Vier-Schanzen-Tournee, indem er Originalzitate von Morgenstern Amann Diethart gekonnt montierte. Und Robert Prosser las einen textlichen Bastard, der alles beinhaltete, was mit synthetischen Drogen, Graffiti und Only Lovers Left Alive zu tun hat.

Dankenswerterweise wurde das Open Mic in beiden Hälften genützt, einmal von Franz Xaver Franz, der einen Text über Silvester stoned as hell vorbrachte, und ein anders Mal von Philmarie, der über die grassierende Wassermelonenwirtschaft gewichtiges zu sagen wusste.

die übliche verbeugung

Es bleibt somit nur darauf hinzuweisen, dass bald Fasching ist und es keine bessere Gelegenheit gibt, sich darauf einzustimmen, als am 13. Februar 2014 um 20 Uhr ins Moustache zu wuseln, zum nächsten, karnevalesken Text ohne Reiter Reigen mit Klaus Lederwasch.

In diesem Sinne:
Too far, Edna, we wander afoot.

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