Nosferatur, Gänseblümchen und Tresenweisheit: Das war T.o.R im Jänner

Endlich paradierten die vier Reiter mal wieder gemeinsam als kostümierte Tierchen des Performanzzirkusses, Stimm- und Sprachkunstwerke vollführten putzig wie See- oder edel wie Lippizanerpferde ihre monatliche Kür. Was bliebe auch anderes zu tun: Markus Koschuh, der Diego Rivera österreichischer Bühnenwelten, ist zu promiskuitiv für den ZDF, Martin Fritz, Die Heiterkeit in Reinkultur, ist wie Robert Prosser, der Tiroler Ryan Gosling für Arme, zu sexy für ATV und Stefan Abermann schadet es auch nicht, mal das Haus zu verlassen.

Daniela Dill

Martin Fritz eröffnete den Abend im rappelvollen Moustache mit einer Suada über das literarische Schreiben. Wie einen Gänseblümchenkranz flocht er die Gedankenwelten der in einer Bar versammelten Autoren ineinander, es wurde über erste Sätze gegrübelt oder über den Marktwert von Krimis mit regionalem Bezug sinniert. Daraufhin las er eine Kostprobe aus dem derzeit besten Textkonvolut vor, welches die Innsbrucker Szene zu bieten hat, nämlich Spotted. Ganz großes Drama! Damit nicht genug, folgte ein tückischer Persönlichkeitstest; als wären es nervöse Schmetterlinge auf einem dieser schönen Bilder von Rohrschach flatterten Neurosen durch den Bierdunst des Moustache‘. Um die feine ironische Klinge des Tests gänzlich genießen zu können, sei unbedingt empfohlen, sich das Original zu Gemüte zu führen, nämlich hier.

Robert Prosser

Zwar befinden wir uns schon in der sechsten Saison, trotzdem wartete der vergangene Termin mit einer Premiere auf: Robert Prosser hatte erstmals etwas halbwegs Witziges vorzulesen, und zwar einen Text von zwei Männern, die sich in einer Bar zufällig zur Trinkkameradschaft zusammenfinden und massenweise schlechte Metaphern auszutauschen haben. Gläser standen auf dem Tresen wie leblose Objekte und die beiden Philosophen wurden zu guten Freunden, wie die Mädels und Jungs in Friends. Obendrauf gab es einen Text zu Graffiti, der den Hauptakteur in U-Bahnsystem begleitete, in welchen es vor Adrenalin und Aerosoul nur so dampfte, dargebracht in einem treibenden Duktus, der eine gesamte Zuggarnitur durch den Brennerbasistunnel ziehen könnte.

Daniela Dill

Unser Schweizer Stargast wiederum verstand es, dass Publikum wie nichts um den Finger zu wickeln, als wäre die begeistert ins Moustache gezwängte Menschenmasse ein echtes Liestaler Käsefondue, in welches Daniela Dill ihre Spoken-Word-Juwelen wie Brotstücke streute. Sie erzählte von den backgepackt Beachressorts wie Hippieenklaven abklappernden Globetrottlern, Kafka, welcher nicht aufs Schloss, doch dafür in feuchte Hirngewinde kam, schob sie ein Kind unter, Novellen wallten sich durch Zaubersprüche, der Heiligenschein wurde zur Hölle geschickt, der Spiegel als Arschgesicht bezeichnet und einmal saß sie sogar nackt, wie Gott sie schuf, in der Kirche. Beide Auftritte ihrerseits samt Zugabe waren ein Lehrstück an mitreißender Performanz, vom Publikum wie von den Stammautoren bestaunt und frenetisch beklatscht.

Markus Koschuh

Markus Koschuh las, am Puls der Zeit wie eh und je, einen Text mit Titel “Shades of Vampire”, worin nicht nur an Splatterelementen gegeizt, sondern auch eine Frau mit einem Cevapcici erwürgt wurde. Am Höhepunkt stand die Vampirattacke auf den Bischof, denn da Katholiken Blut trinken, kann die Verwandtschaft zu den Nosferatujüngern nicht weit sein. Koschuh haute noch eins drauf und gab einen Ausblick auf 2013 zum Besten. Diesem Zukunftsorakel zufolge wird das Parlament zur Red Bull Polit Area, die FPÖ darf Sitzungsprotokolle in Runenschrift verfassen und für Herbst hat sich der Staatsbankrott der halben EU angekündigt.

In einen ähnlichen Hals vergrub Stefan Abermann seine literarischen Beißerchen, als „Bi(s) zum Anschlag“ betitelte Tagebucheinträge gewährten Einblick in eine wollüstige, junge Frau, die sehr gerne wow! schreibt, im Aktzeichenunterricht dem Nacktmodell und Drakula William Oswald Wellington verfällt und von diesem zu einem Anschlag auf die UNO überredet wird. Es folgten die Weihnachtsprotokolle von Frank Stronach, der seine Familie unterm Tannenbaum als Team Christmas vereinigte und ihnen Werte von Freiheit und Transparenz vermittelte. Zungenschlagsmässig eine eins-zu-eins-Darstellung des privatwirtschaftlichen, gemäßigt-diktatorischen Entrepreneurs, der Felix Baumgartner vermutlich bereits einige feuchte Träume verschafft hat, wovon nicht nur die Economy, sondern besonders die Lesebühne profitierte, wovon sich beim Betrachten von noch mehr Fotos überzeugt werden kann.

Und damit bis zum nächsten T.o.R.

Da wir, um den Auftritt von Daniela Dill annähernd toppen zu können, mindestens doppelt so viele Spoken-Word-Könner zu uns auf die Wettcouch bitten müssten, machen wir genau das: Helena Schmitdt und Simon Cazzanelli beehren uns als Team Senza Parole am 14. Februar. Valentinstag ist so was von 2012, 2013 zählt einzig Text ohne Reiter.

Fastfacts: Nächstes T.o.R. am 14. 02. 2013 um 20 Uhr im Moustache mit Senza Parole

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