Das Gesetz der Serie: Liebe, Schmerz und des Septembers Nachlese.

T.o.r. im September 2012

Österreichs längst gediente Lesebühne stürzte sich in die sechste Saison, um unterm Banner ekstatischer Performanz mit versierten Schachtelsätzen, kalauernden Sprechtechniken und überhaupt mit Texten, die von der Kraft einer unbestimmten Utopie durchzittert werden, selbst Chuck Norris in den Schatten zu stellen (und die Nordkette sowieso). Text ohne Reiter, dieses kleistogam gewachsene Bühnenungetüm, wäre in einer besseren Welt ein True Love getauftes Boot, unterwegs zur abartigen Version Arkadiens oder zumindest in ein Hafenstädtchen namens Capeside. Der Auftakt des sechsten Jahres hatte zwar darunter zu leiden, dass die Beammaschina kaputt war, doch ließ sich der Elan der Lesebühne von derartigen Schwierigkeiten ja noch nie beengen. Den Umständen entsprechend wurde eifrig improvisiert, um unsrem Stargast den metaphorisch überstrapazierten roten Teppich auszurollen.

Die Farbe Rot jedoch ist nicht unpassend, um sich Slam-Master, &radieschen-Literaturzeitschriftenfrontmann und Autor Andreas Plammer anzunähern, der, unsrer bescheidenen Meinung nach, einen ausgezeichneten Krimi im Gepäck hatte: Fauler Zauber, eine im Dunstkreis von Nachtclubs, leichtem Sex und Blutgerinnung angesiedelte Milieustudie, die mit überraschenden Lebensweisheiten aufwartet, etwa, dass suizidtechnisch Frauen immer in den Lichthof, Männer aber auf die Straße springen. Aufschlussreich, eigentlich. Plammer las von Harald, einem Helden vom Format des jüngeren Bukowski, und führte das staunende Publikum in jene Zonen der Wiener Gesellschaft, über die sich Kaisermühlen Blues nie drüber getraut hat, er erzählte von Reizen und Gelegenheiten (“when god closes a door, he opens a dress”, um eine andre Serie zu zitieren, die fast so gut wie Dawson Creek ist, nämlich Mad Men) und verzückte als Zugabe mit geslammten Witz, indem er als imaginärer Politiker seine Antrittsrede mit Englisch auffettete. Direkt den Pop-Charts entnommen, wurde unter anderem Sprachlosigkeit mit „Words don’t come easy“ und die Drohung, einen Kontrahenten zu steinigen, mit „we will rock you“ frei übersetzt.

Martin Fritz zelebrierte sein Lieblingssteckenpferd Systemtheorie, im Sumpf der Popkultur wildernd packte er Niklas Luhmann an den Eiern, sozusagen, und trug „Potter’sche Paradoxa“ vor. Der Text kreiste daher um Dawsons Creek und den per Video vorgeführten bekifften Diskussionen der Hauptcharaktere Dawson, Joey, Pacey, Chandler und wie sie alle heißen. Hinterm ganzen Geplauder lag selbstverständlich nichts als sexuelles Verlangen, es ist die lauernde, unerfüllte Obsession, die Dawsons Gang und Martin Fritz umtreiben, respektive –trieben, bzw. das Wissen, dass immer irgendwo eine Bessie lauert, die der kleinen Schwester den blonden Schönling ausspannen will. Dem folgten Fritz‘ Top Ten der Randnotizen bei fremden und eignen Texten, Bereich Non-Fiction, die einen sehr kritischen, wenngleich leicht Luhmann-fixierten Denkerdichter entlarvten, in dessen Traumwelten wiederum die gesamte Kaste der Samurai in den heroischen Untergang geschickt wird, man auf Google Maps Städte im SimCity-Modus nachbaut und Rap-Superstars gegen junge Mädchen fighten, die Faith heißen.

T.o.r. im September 2012

Stefan Abermann kürte die Ehe zur Formel 1 des Lebens, die die eignen Kinder als möglichst höchstgetunte Autos benützt. Zumindest der restlichen Lesebühne blieben ob der Abermann’schen Einblicke ins Gatten- und Vaterdasein die Münder offen stehen, sind ¾ von T.o.R doch trotz heiratsfähigem Alter von derartigen Erlebnissen ungefähr so weit entfernt, wie jeder Mensch auf Erden von einem Roundhousekick by Chuck Norris. Also auch nur zwei Sekunden, aber trotzdem verbleiben diese Bedrohungen im Bereich der Spekulation. Darauf folgte ein als „Bärli-Märli“ betiteltes Märchen, das grimm(ig)grausam von einer russischen Oligarchen-Hochzeit erzählte und einen Bären mit Holzbein zum Inhalt hatte, der mit einer Fidel die Vermählung enterte und fürs Musizieren 20 Kühe kassierte. Es wäre aber kein Oligarch, würde dieser nicht den Bären übern Tisch ziehen wollen, weshalb im derart furiosen Finale, dass sich selbst Jacob und Wilhelm die Fingernägel abkauen würden, der Oligarch von der Musik des Bären zerrissen wird. Damit nicht genug, schnappte sich der Paganini des Waldes die Braut und verschwand mit ihr in seiner Höhle. Als Moral blieb die Gewissheit, dass man nicht schlecht vom Bären denken darf und die Frage, ob man so ein Märchen wirklich dem eigenen Kind vorlesen soll. Besser den Gören der anderen Eltern.

T.o.r. im September 2012

Robert Prosser trug einmal einen Text zur erstaunlich ausgefeilten Tattoo-Kunst der sowjetischen, bzw. russischen Straflager vor, der um die darin versteckten Codes und Hierarchien kreiste. In der Zelle kochte unter anderem ein Mann mit tätowiertem Messer auf der Schulter Schwarztee und wirkte zugleich als Henker, während Karten gespielt und die Haut gestochen wurde, was das Zeug hielt. Tatsächlich alles wahr und bezeugt, man konnte sich also ausmalen, was auf die Mädels von Pussy Riot im schlimmsten Fall zukommen wird. In der zweiten Hälfte stellte Prosser seine Sommeraktivitäten und dementsprechende Reisen vor, es folgte nämlich ein Text zur Hexenaustreibung in Ghana. Prosser wird wohl nie ein Tiroler Heimatschriftsteller werden, sondern testet lieber westafrikanische Trommelrhythmen auf ihr Trancepotential aus. Als Intro führte er sogar ein selbstgefilmtes Video der Dämonenjagd vor, das nie abgeschlossene Studium der Kultur- und Sozialanthropologie ging da mit ihm durch, aber irgendwie muss man dem ganzen Ekstasenwahnsinn auch beikommen.

Markus Koschuh wird die TirolerInnen nun sogar in ihren Fernsehgeräten beglücken, um der Tirol-Heute Moderatorin ein ähnliches Trauma zu verpassen, wie es Otto einst Ingrid Thurnher unter den Rock kitzelte. In seinem Text wurde Koschuh Zeuge, wie eine ältere Frau Tennisschuhe kaufen möchte, ausgehend von ihrer Frage, ob man mit diesen auch normal gehen könne, dachte er sich in die Rolle des Verkäufers und lieferte einen saukomischen, schweinischsadistischen Gedankenlauf, an dessen Ende die Alte gequält und in Tränen aufgelöst am Boden lag. Im zweiten Text blieb Koschuh der Thematik im weitesten Sinne treu und erzählte von der Dramatik eines Tennisspieles. Erneut enthüllten die Innenansichten, welche komplexen Gedanken im Kopf Koschuhs eigentlich während jener spannenden Sekunden gesponnen werden, in welchen ein Netzroller den Sieg zugunsten des vormaligen Pensionistinnen-Quälers bringt.

T.o.r. im September 2012

Soweit also der Nachbericht zur ersten Show der 6. Saison, der wiedermal bestätigt, dass sich der ganze Performanz-Wahnsinn, der monatlich im Moustache abgefeuert wird, sowieso nicht ausdrücken, geschweige denn nacherzählen (aber immerhin fotographieren) lässt.
Es bleibt die Gewissheit, dass es großartig war und die nächste Live-Action noch besser werden wird, auch wenn dies fast unmöglich erscheinen mag.

Fakten für Zapper mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne: Nächstes T.o.R. Serienfest am 11. Oktober 2012, 20 Uhr im Moustache, mit Barbi Markovic.

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