Geschrammelte Performanz männlicher Schönheit: Das war T.o.R. im März

Die just auf 08. März fallende Ehrenfeier der Weiblichkeit, diesen Bastard aus Valentins- und Muttertag, beging die innerhalb der rauen, dem Bauerntum verpflichteten Felsenwelten des Tiroler Alpbollwerks erstaunlich charmante Lesebühne Text ohne Reiter dem Anlass entsprechend: Es war ein Schaulaufen versprachlicht verschenkter Handküsschen und Pralinenschachteln, ein Galan nach dem andren marschierte gockelgleich vors Mic, um das Publikum des Moustache zu bezirzen, wobei ungeklärt bleibt, ob die Abwesenheit von Markus Koschuh, der unweit einen neuerlich gefeierten Kabarettauftritt absolvierte, von Vor- oder Nachteil war.

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Als oberster Charmebolzen bezauberte Wiens schönster Mann, der Hans Moser unsrer digitalen Generation: Marc Carnal. Dieser hat doch tatsächlich bereits mit Österreichs Männertraum und Beispiel angewandten Feminismus‘, nein nicht Lotte Tobisch, sondern mit der Jazz Gitti getanzt, bzw. sie nicht unähnlich eines hübsch herausgeputzten Satelliten umrundet, das Lesebühnen-Personal freute sich ob der Ehre daher schier rauschselig, es müssen vormalige, nunmehr in Menschengestalt inkarnierte Rebläuse gewesen sein, die auf dem Wettsofa saßen, glücklich wie Honigkuchenponys, gebacken aus Eier, Butter, Bier, sich ob der vorgetragenen, den Heurigen-Stanzeln Transdanubiens alle Ehr‘ erweisenden Reimgesängen, Bänkelliedern und prosaischen Erörterungen aufgefundener Einkaufslisten höchst amüsierend. Carnal las vom kotzenden, den Abort besudelnden Suppenkasperl, der gesundheitlichen Bedeutung des Apfels (u. a. Trinkst du Apfelsaft statt Branntwein, braucht der Arzt ein zweites Standbein), offenbarte die Knechtschaft, unter welcher schöne Menschen mit ihren güldenen Locken und dem satten Königsblau ihrer Augen zu leiden haben und brachte als Zugabe sogar eine dem höfischen Minnesang-Ideal durchaus entsprechende höfliche Version des Battle-Raps dar.

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Stefan Abermann, endlich gesundet und nach der erzwungenen Pause unruhig im Backstageraum scharrend, malte jenen Punkt, der am Ultraschallbild einen Embryo verrät, zum pointilistischen Kunstwerk aus, spannte einen berührenden Bogen vom Betrachten des Fotos bis hin zu jenen pubertär hormonellen Schwankungen, denen dieser Punkt in einigen Jahren, wenn wir unsere Literatur-Show schon längst im Wiener Burgtheater oder zumindest auf der Festung Kufstein abziehen, ausgesetzt sein wird, und erkannte in eben diesem unscheinbaren Punkt einen Lebensinhalt, dessen Bedeutung etwa die Punktewertung des Slams nie erreichen wird können. Abermann blieb diesem Thema, nämlich den Zwängen und Freuden der Pubertät, in gewisser Hinsicht treu und las später vom Wert Youporns, dem Heiligen Gral der Hormongepeinigten, welcher endlich die Aufklärung vonseiten frigider Biologielehrerinnen erübrigt und somit auch vergangene abermann’sche Vorstellungen beseitigt, die in all ihrer anatomischen Schrecklichkeit einen Spermatunnel bis ins Gehirn der Frau inkludierten, aber gut, jetzt schafft das WWW Gleichheit und auf der gemeinsamen Wissensbasis von DP, Creampie, Bukkake und BDSM verliert auch allererster Blümchensex seine furchteinflößende Aura und kann sogar richtig geil werden.

Robert Prosser trug die Geschichte eines alten Schauspielers vor, der, ebenso hässlich wie konzentriert seiner Rolle als Richard dem III verfallen, Shakespeares Geistern folgt, herzkrank die Tätowierungen auf seinem Oberkörper zum Sprechen bringt und sich im Verlauf der Geschichte als Freak entpuppt, dessen Mark vor lauter Leidenschaft und Hingabe unter der Griffelspitze des toten Dichters vibriert. Als zweiter Text folgte Prosser’s verschriftlichter, liebster Trunk, nämlich über „Sex im Wald“ zu rhythmisieren, eine Verfilmung dieser Wälzereien zweier Menschen im gefallenen Herbstlaub, nah am Bachufer, würde auf einschlägigen Internetportalen vermutlich zum dauernd beklickten, befappten Publikumsrenner avancieren.

Martin Fritz, der Radikalstifter zum Metaquadrat, begann seinen Auftritt mit: “So bin ich also Lesebühnenautor geworden“, er malte uns Performanz-Schrammlern Gefühlswelten ins Innere, die sich ums Saufen und Rumhuren drehten und erzählte vom Leben der Bühnenpoeten, dieser lichtscheuen Trunkenbolden mit stumpfsinnigen Texten, einzig mit Schnäpsen aufrecht zu halten erfüllen wir, „das One-Trick-Pony der Unterhaltungsindustrie“, unsre schmutzige Pflicht. Weiters folgten die zehn besten Ecken Innsbrucks zum Rumstehen, irgendwo heulte ein Wolf, und Fritz las einen Text über eine junge Frau und ihren E-Mail Entwurf, welcher die Bronzezeit und deren damalige lukullisch leckere Pizzen, dank Blasebalg in Höhlen gezaubert, und den Geist, der den Mauszeiger bewegt, streifte.

Zu guter Letzt kam sogar noch Markus Koschuh, stürmte von der Kabarettbühne, den Zugabenapplaus noch im Rücken, ins Moustache und während draußen vorm Lokal mit entzündeten Fackeln bewehrte Agrarier warteten, die Spitzen ihrer Mistgabeln bedrohlich an den Fensterscheiben kratzten, las er als Abschluss unsres literarisch-reimfrohen Märzenbechers eine Erörterung zu Martin Fritz vor, dem Rain Man des beginnenden 21. Jahrhunderts, und führte damit Lesebühne und Internationalen Frauentag einem gelungenen Happy-End zu, das Schaulaufen der Gockelgalane fand im Gegensatz zur trinkfreudigen Nacht ein Ende, doch bereits am 12. April 2012 wird ein neuerlicher Reigen eröffnet, und zwar mit SpokenWord Maestra Jana Klar.

Die übliche Verbeugung

Fastfacts, ins angeduselte Heurigen-Schunkeln nachgereicht:
Nächstes T.o.R.: mit Jana Klar, am Do. 12. April im Moustrache, um 20 Uhr

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