Die Donnerfaust und errötende Asen: Das war T.o.R. im Februar!

Ullr, der nordische Gott des Winters und der Skiläufer, Eide, Jäger und Bogenschütze auf Skiern (true story) mag Tirol noch so eisig klirrend an der Gurgel gepackt haben, wir ließen uns nicht unterkriegen, ja sollen sich die zwölf Asen doch in ihrem vergleichsweiße warmen Asgard gegenseitig aus der Edda vorlesen und finnisch saunieren, wir hielten selbst in diesem Feber unsre Audienz, vom Winter umstürmt, mit Schneekristallen im Haar, als wären wir orientierungslose Eiskunstläuferinnen, trauriges Strandgut der Innsbrucker Youth Olympic Games, verloren fern der Heimat, aber stolz und von kleinen Krönchen geschmückt.
Zwar nicht vollzählig – Stefan Abermann kam a) unter die Kufen, wie es im fancy Lingo der Jungolympioniken heißt, b) zwischen die Schienen, wie man es in Wörgl, dem aus frühpensionierten Schaffner bestehendem Mordor der ÖBB, bezeichnet und verlief sich c) im Astwerk des Yggdrasils, wie die linkischen Asen tuscheln, lässt sich einer von ihnen von einer Wanengöttin beißen, aber genug des Tratsches: Gute Besserung! – wurde dennoch das lesebühnenmöglichste unternommen, die zahlreich anwesenden Gemüter ganzheitlich zu erwärmen.

robert prosser und max höfler im gespräch

Von Martin Fritz und Robert Prosser charmant moderiert (wobei ersterer zumindest zu Beginn etwas Mühe mit dem von einer Johanneskraut-Kur vernebelten, fröhlich weggetretenen Alpbacher hatte) wurde eine Rettungsgasse in den Saal gepflügt, um unsren Stargast – Max Höfler aus Graz – ein passendes Ambiente zu bieten, das dieser auch schweiniglerisch zu nützen wusste, um vom Beamer unterstützt aus seinem Debütroman Texas als Texttitel vorzutragen. Da wurden selbst Asengards Mauern schamrot, rauschte doch der Heilige Geist hundertfach beschwängelt für Orgien herab, eifrig zum Halali geblasen wurde die Geschwindigkeits- Erregungsanomalie der Dampfschifffahrt diagrammatisch veranschaulicht, weshalb Matrosen und Heizer kein lauwarmes Lüftchen, sondern ausgewachsene Lustorkane zu überstehen hatten; als Zugabe folgte Höflers Glaubensbekenntnis, welches die Notwendigkeit des Aufstandes wie auch das Versagen Andreas Hofers inkludierte, und alles in allem war es ein gewaltiger Samenerguß, da die experimentelle Literatur in Höfler ihre Geilheitskomponenten erfuhr.

max höfler

Markus Koschuh brachte eine Prosaminiatur zum guten Zeitpunkt des Sterbens vor, in die letzten Atemzüge der alten Frau Gatt webte er Erinnerung und Gefühl zum Sprachteppich, auf welchem die Traurigkeit leise durchs Moustache schwebte. Zum Abschluß des Abends nahm er eine von Prosser vorbereitete und hämisch präparierte Powerpointpräsentation in Angriff, unsre lustige Karaoke ging in die zweite Runde und gar meisterlich dozierte Koschuh über Schwarzmagie, die Zauberkräfte des Menstruationsblutes und das Weghexen von Penissen – und ja, ungelogen: Kakerlaken können wirklich neun Tage ohne Kopf überleben, sie sterben einzig daran, keine Nahrung mehr zu sich nehmen zu können. Im zweiten Part der Karaoke nahm Robert Prosser den Fehdehandschuh Koschuhs auf und log Wissenswertes zur Windenergie, erklärte, warum sowohl Vögel als auch Delfine schnatternd in die Flügel der Räder geraten und wieso das Burgenland landschaftlich so verschandelt ist, und erzählte ferner von seiner neuen Leidenschaft: dem Thaiboxen. Dieses entpuppte sich als heimliches Leitmotto des Abends, Schienbeine starben ab, junge Männer vereinigten sich unterm Banner des Mittelfingers, alles in allem scheint es, als wären die Asen in uns gefahren, derart martialisch zeigt sich die Lesebühne im Rückblick.

Martin Fritz beschäftigte sich in seinen Texten, die ziemlich vieles sehr konzentriert beinhalteten, einmal mit dem Wertcharakter der Nostalgie, schmähte die Hartschalen-Rollkoffer, dieser Geißel der Ersten Welt, irgendwo heulte ein Wolf und Fritz schnalzte dem Publikum den Performanzcharakter der Sprache um die Wollmützen, unser leibeignes Hausthema sozusagen, diese gehäkelten Käppchen, Hartschalen-Rollkoffer des Nightlifes, und entlarvte, dass es sich bei allem um die semantischen Variablen derselben Realität handle – diese kann entweder das Füttern der Haselmaus oder aber Thaiboxen sein, Prosser und Fritz waren sich uneins, wobei ich, der Nachberichtschreiber, ja glaube, dass sich beides nicht unbedingt ausschließe.

die übliche verbeugung

So bleibt nicht vielmehr, als sich den Schnee aus der Mähne zu schütteln und mit warmen Gedanken aufs Märzenspektakel zu hoffen, denn am 08. 03. 2012 stürmen wir wieder unsre Bastion, unterm Banner der Interdisziplinarität, die keinen Unterschied zwischen Literatur und Kampfsport (oder Kleintierfütterungen) duldet, treten wir auf als lebendiger Beweis des Performanzprozentgehaltes der Sprache, und in dieser nahen Zukunft reitet mit uns: Marc Carnal.

Fancy icy Facts:
Next T.o.R. am 08.03.2012 um 20:00 im Moustache, mit Marc Carnal

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