Category Archives: 2012

Pein, Zwetschken und Sinnfindung light: das war T.o.R. im Dezember

Mario Tomic und unscharfer Kurzinterviewer Stefan Abermann

Überraschen wird es nicht dass Text ohne Reiter auch im Dezember im Moustache zelebriert wurde, dass es eine Art hatte – und damit ist wohl gemerkt nicht nur der von Gast Mario Tomic mitgebrachte Slivo gemeint.

Markus Koschuh und Stefan Abermann

Denn Robert Prosser war leider unabkömmlich, da er in den Studios der BBC in Sheffield zum neuen Anchorstar aufgebaut wurde, aber die verbliebenen Stammautoren kredenzten auch zu dritt ein vielfältiges und doch stets sanft die schönen Themen Folter und Gewalt umschmiegendes Literaturperformanzprogramm:

So erklärte Stefan Abermann, wie man sich dem Schlosser gegenüber rausredet, wenn man nach der Lektüre eines aktuelles, auch als “Shapes of Gay” bekannten Bestsellers mal wieder in die Fesseln gefallen ist und wie tomic der Tomic ist, Martin Fritz entführte in ein lyncheskes Schneekugelkaleidoskop aus Privatyachten und Folterkellern und hommagierte dem besten Film aller Zeiten und Markus Koschuh huldigte schließlich im grammatischen Zentrum seines Grammatischen einem Großmeister der Grammatik, der dennoch den Tod eines Igels zu verantworten hatten und erzählte passenderweise von einem Goliath mit ohne rechtem Arm.

Mario Tomic

Gastleser Mario Tomic entzückte die verwöhnten Ohren des gut gekleidet und zahlreich erschienenen Publikums mit einem seinem liebsten Tierdichter gewidmeten Survival-Training im Grazer Univiertel, bei dem, wie es bei Tomic-Texten nun einmal so gehört, von reichlich (Körper- und anderen) Flüssigkeiten, Mur-Überquerungen und eben Säugetieren die Rede war, einem gestiefelten Kater, Zukunftsvisionen, die den Mond als Werbefläche und einen Krieg Österreichs gegen die Vereinigten Staaten enhielten sowie diversen weiteren feuchten Angelegenheiten.

Abgerundet wurde der Abend noch durch zwei das Open Mic nützende Herrschaften: philmarie dozierte über die Verabscheuungswürdigkeit aller Menschen und wies damit auf seine poltische Lesebühne am 18.12. im DeCentral hin und David wusste wie gehabt von hinter seiner Seite des Tresens hervorkommend von der Apokalypse und Sinnfindung des kleinen Mannes zu berichten. Und noch mehr Fotos von diesem Spektakel bietet der vorangegangene Link.

Die übliche Verbeugung bei T.o.R. im Dezember 2012

Harte Fakten:
Nach der Lesebühne ist vor der Lesebühne, darum hier der Hinweis auf das nächste T.o.R. am DO 10. Jänner 2013 um 20:00 Uhr mit Daniela Dill

T.o.R. am 13.12. mit Mario Tomic

mario tomic und gebärdendolmetscherin

Was spricht schon dagegen, sich bei schreiender Kälte im Freien billigen erhitzten Industriefusel mit Zimtgeschmack in die Kehle zu schütten, oder wie andere auch sagen: den Advent zu genießen? Fast gar nichts, aber die geübte Verbraucherin und der ausgebuffte Endkonsument, die beiden wissen mit ihrer geneigten Freizeit sogar noch weitaus Besseres anzufangen, nämlich sich in geheizten freien Innenräumen zwar günstige, aber wertvolle erhitzte Performanz mit Literaturdingens einzuverleiben, oder wie andere auch sagen: Text ohne Reiter, die Innsbrucker Lesebühne, zu besuchen, und dies ganz ohne damit der Hoffart verfallen zu müssen, Schlechtes über die weltlichen Seiten der Adventszeit zu denken. Denn es geht ja beides.

Und zwar am Donnerstag, den 13. Dezember 2012 um 20:00 Uhr, zu dem sich die stämmigen Lebkuchenmänner, oder wie andere auch sagen würden: Stammautoren Abermann, Fritz, Koschuh und diesmal leider nicht Prosser (wird am Küniglberg von Peter Rapp zum Nachfolger von Lizzy Engstler ausgebildet) mal wieder ins geräumige Moustache verfügen werden.

Der Mandelsplitter im Marzipankeks Lesebühne jedoch ist unser Gast Mario Tomic, der aus dem schönen von der Enns durchflossenen Graz zu unseren Gestaden anreisen wird und sich immerhin amtierender Bäckerei-Poetry-Slam-Sieger sowie amtierender Meister der steirisch-kärntner Landesmeisterschaften nennen darf – weitere Lobpreisungen seines Werkes und seiner Person können entfallen, wer noch Zweifel daran hat, dass die von Eichhörnchen (die Marillenmarmelade des Tierreichs) als Frühstück, Blümchensex oder seiner Kindheit handelnden Texte den Besuch mehr als rechtfertigen, kann sich dieses Video reinziehen (wie man so schön sagt), oder in diesem ominösen Internet nach weiteren einschlägigen Informationsbrocken mittels Suchmaschinen suchen. Ihr schafft das schon, langsam kriegen wir doch alle raus, wie der Computer geht.

Alles Weitere bleibt weiterhin wie gehabt, also Open Mic für 2×5 Minuten für Textvortragswillige aus dem Publikum und Beginnzeit sine tempore.

Besinnlicher Abriss der Fakten:
Do 13.12. 20:00h Moustache: T.o.R. mit Mario Tomic (Graz)
Und zum Facebook-Event geht es hier.

mario tomic und t.o.r.en koschuh und abermann, konzentriert

Neues von Tricksern: Der Winterflyer 2012/13 ist da

Die Übersetzer zwischen den Türen und Stühlen, oder wie andere auch sagen: Text ohne Reiter, die Innsbrucker Lesebühne, freut sich wie eine viel zu junge Schneeprinzessin, endlich die Termine für die Zeit im Würgegriff von Frau Holle bekannt zu geben:

T.o.R. Flyer Winter 2012/13

DO 13.12.12 mit Mario Tomic (Graz)
DO 10.01.13 mit Daniela Dill (Basel)
DO 14.02.13 mit Senza Parole (Graz)

Den feuerspeienden Karpfen haben wir wie stets unserer Hausgraphikerin Carmen Sulzenbacher zu verdanken und die Informationen auf Makro-, Meso-, und Mikroebene werden Euch in diesem Internet und offline in geeigneter Form zu geeigneten Zeitpunkten gereicht werden, auf dass wie uns alle möglichst oft wiedersehen im frostsicheren Moustache. Olé!

Viel Blut und noch mehr Katzen: das war T.o.R. im November

T.o.R. im November 2012

„American Beer is like Sex on a Boat. Fucking close to water” sei ein Sketch von Monty Pyhton zitiert, um zu veranschaulichen, wie sehr das Gegenteil auf Westösterreichs einzige Lesebühne zutrifft: Text ohne Reiter ist das, was Alkoholiker gerne trinken würden, wenn der Stroh-Rum fertig und die Flasche mit Klosterfrau Melissengeist leer ist, denn wäre Text ohne Reiter selbstgepanschter russischer Wodka, würde dieser nicht nur blind, sondern auch katatonisch machen. Jede vorgetragene Punchline ist ein kleiner, unerbittlicher Chuck Norris und bei der Geburt aß Text ohne Reiter den Mutterkuchen.

T.o.R. im November 2012

Dieses Sprachbild wurde von niemand geringerem als unserem Novembergast höchstpersönlich geklaut: Diego Häberli. Diego, Slamdichter von zorniger Götter Gnaden, angereist aus Bern, der an den Ufern der Würst gelegenen Bastion ergreifender literarischer Performanz eidgenössischen Zungenschlages. Er wechselte gekonnt wie später beim Tischfussball die Seiten, tanzte wie eine höllische Ballerina Schwanenseewellen zu Worten wandelnd durch die Köpfe des Publikums. Er deklamierte, schmeichelte, schrie und erzählte unter anderem vom Winter am Strand, von Gedanken wie Untiefen, und Drogen, die wir selbst sind. Branntwein gurgelnd Wohlfühlfassaden hochgezogen tauchte er ein ausuferndes Fleischliebegedicht aus der Blutsuppe. Des Metzgers Kinder entleiben darin Schweine, selchen Herzen, werfen wortwörtlich Augen und geben dem Sehnen nach Sehnen poetischen Ausdruck. Dem hingerissenen Publikum gab Häberli einige Fragen mit, über die nachzudenken es sich lohnt: Ist es Wahnsinn, einen Schüler durch ein Sieb zu drücken, um zu sehen, was hängen geblieben ist? Einer Frau Besteck auf den Bauch zu legen, um ihr mitzuteilen, dass man sie satt hat?

T.o.R. im November 2012

Fleischlich ging es weiter, Stefan Abermann zitierte frisch vom Metzgerbeil ein schönes Rezept zu einem hässlichen Gericht, nämlich zum Beuschl. Essen ist bekanntlich der Sex des Alters, die Zubereitung des Beuschls wurde daher zum Eintritt ins Serail, man wasche das Wurzelgemüse, schäle die Karotte, und während der Atem schon flach wird, pocht die Brust vor Lust, die Lunge liegt zerstückelt im kalten Wasser, das Herz bleibt im kochenden Topf. Abermann führte das Publikum weiters anhand eines Schärdinger Werbespots per Kamerafahrt zu einem Bauern, der sich die Finger wärmt, bevor er der Kuh an die Euter greift. Käseleiber werden eifrigst gestreichelt, denn dieser Werbespot ist nichts andres als unser Land. Unser Land. Dieser Werbespot erklärt Österreich: Im Herzen sind wir einfach Bauern.

T.o.R. im November 2012

Robert Prosser läutete eine Art Trendwende des Abends ein, weg vom Milieu der Beuschl und Essvorlieben, hin zu jener Zeit, in welcher alle Katzen gleich und sich die verschiedensten Dinge ausprobieren lassen. Er las einmal eine tragische Ehegeschichte aus dem armenischen Kaukasus, mehr oder minder sein derzeitiges Leibsthema, und führte in die nächtlichen, kriminellen Aspekte der Kunst. Prosser trug die rhythmisiertpoetischen Streifzüge eines Graffitisprayers vor, der UBahntunnel entert und auf Dächer kraxelt, um der Stadt, der kollektiven Chamäleonhaut, den Farbreflex zu verpassen.

T.o.R. im November 2012

Martin Fritz brachte ein Essay zum Themengebiet „Natur und Technik“, worin die Menschheit mit wissenschaftlichen Errungenschaften wie der Haustierschabe erfreut wird. Katzengroß und niemals wieder totzukriegen, transportiert diese Zierpflanzen durch die Wohnung, ähnlich sinnvoll wie die gleichsam zu Katzen angeschwollenen Bienen, die in ihren Mäulern exakt einen halben Liter Flüssigkeit behalten können und somit Biergläser aichen. In der zweiten Hälfte des Abends bat Fritz Hannes Blamayer auf die Bühne und präsentierte das Team Feuerspeiende Katze. Langsam entwickelt sich dank des traurigen Liebesgedichtes auf eine feuerspeiende Katze eine Performance fleuve in Martin Fritz‘ Bühnenschaffen, mit dem bereits einige Male genannten miauenden Mietzvieh als Inhalt. Aber Katzenaugen sind nicht nur Konfekt, T.F.S.K. lässt vielmehr auf kommende Shows hoffen, denn Zukunft ist die Freiheit der gegenwärtigen Vergangenheit.

Zwischendrin gab es sogar ein Open Mic, David trug seine Gedanken zu Schein und Sein vor, wenn Menschen sich Ideale schaffen, die vom Alltagsleben nicht geduldet werden. Das erste Mal auf der Bühne und sogleich souverän abgeliefert – Paolo Coelho zu lesen ist sicherlich schadhafter, als David zuzuhören.

Dieser kurze Nachbericht mag Zeugnis ablegen von den Bemühungen der Lesebühne, die Abwesenheit von Markus Koschuh, der in Rosenheim weilend unter den Fittichen von Karl Moik zum neuen Florian Silbereisen aufgebaut wurde, zu verkraften. Freuen wir uns also auf den 13. Dezember 2012, wenn die letzte Lesebühnenshow des Jahres 2012 das Moustache in den einzig wahren, den einzig echten Christkindlmarktes des Alpenraums zu verwandeln gedenkt, eine Mission, die besonders auf den aktuellen Bäckerei Poetry Slam-Champ Mario Tomic setzt.

Hard Facts:
Nächstes T.o.R.: 13. 12. 2012, 20 Uhr, Moustache, mit: Mario Tomic

T.o.R. im November 2012

T.o.R. am 8.11. mit Diego Häberli

diego häberli

Die Arbeitsgruppe Polysemie und Ambiguität, oder wie andere auch sagen: Text ohne Reiter, die Innbrucker Lesebühne, taumelt bekanntlich stets changierend zwischen Wahnsinn und Licht durch den Jahreskreis, kümmert sich dabei wenig um Faschingsbeginn, erste Lebkuchen im Einzelhandel oder Martinstag, sondern behält stoisch und unbeirrt wie ein Eichhörnchen ihren Rhythmus bei, der es so will, dass am Donnerstag, den 08. November 2012 um 20:00 Uhr schon wieder die lichtscheuen Herumtreiber und Tunichtgute, oder wie andere auch sagen würden: Stammautoren Abermann, Fritz, Koschuh und Prosser in Moustache erscheinen werden.

Doch damit nicht genug: Es darf schon jetzt verraten werden, dass Diego Häberli aus dem schönen Bern angereist kommt. Wahrheit und Dichtung seine Person betreffend sind dem Internet unter dem oben verlinkten Hyperlink zu entnehmen, seine Literaturperformanzkompetenz ist jedenfalls, so viel sei unter uns schon mal gesagt, über jeden Zweifel und Tadel erhaben.

Alle weiteren Zusatzleistungen und Ausschweifungen wie Open Mic für 2×5 Minuten für Textvortragswillige aus dem Publikum und strikt exerzierte Beginnzeit bleiben naturgemäß wie sie eh und je schon waren.

Eindeutig kurzes Briefing:
Do 08.11. 20:00h Moustache: T.o.R. mit Diego Häberli

Ninjas, Hogmoars und Shapes of Gay: Das war T.o.R im Oktober

Da ¾ der Lesebühnenstammbesetzung in Wien, respektive Graz weilt, um da wie dort die Vorrunden des gerade stattfindenden Ö-Slams zu durchbrettern, und bereits vom Wettkampfsfieber ergriffen ist, soll dieser Nachbericht noch schnell eingeschoben werden, bevor Punkt 20Uhr am Innsbrucker Marktplatz die Public-Viewing-Liveübertragung des Spektakels beginnt. Ganz Tirol eifert mit, bei der gestrigen feierlichen Verabschiedung drückte Kultur-Landesrätin Beate Palfrader den gen Osten ausrückenden Martin Fritz, Stefan Abermann und Markus Koschuh je einen Handl-Bauchspeck sowie eine Flasche Krautingerschnaps in die Hand, damit die heimatlichen Schönheiten in der Ferne nicht vergessen werden, und von den Bergen hallten die Ehrensalute der Schützenkompanien. Wer die schottischen Outdoor-Wettbewerbe mit Baumstammwerfen und viel Häggis mag, wird den Ö-Slam lieben, der morgen in Leoben mithilfe einer Finalrunde den Champion 2012 ermitteln wird. Der Nachberichterstatter vermutet stark, dass es einer der drei T.o.R.en sein wird, der den Titel des österreichweiten Poetry-Slam-Hogmoars an sich reißt. Drücken wir also die Daumen.

Barbi Markovic

Kommen wir nun zum Wesenskern dieser Reportage, nämlich die vergangene Lesebühnenshow. Zwar war die Stammbesetzung schmerzhaft dezimiert, wurde Markus Koschuh doch letzte Woche in Köln zum neuen ZDF-Superstar aufgebaut, um mit übernächster Folge Wetten-Dass vom desaströsen Markus Lanz zu übernehmen (Abwesenheitserklärung by M. Fritz). Nichtsdestotrotz, der Rest der Truppe versuchte performanzversiert den durch ZDF-Headhunter verursachten Verlust zu kompensieren. Das dies gelang, lag vor allem an unsrem Stargast: Barbi Markovic. Das talentierteste heiße Eisen im Suhrkamp-Rennstall, das zudem auch den schönsten Hut der Literaturwelt trug, las aus den Fragmenten, Fundstücken und Entdeckungen linguistischer Stadtwanderungen vor, die sie durch Graz, Wien und Berlin geführt haben. Im alltäglichen urbanen Sprachbild, aus Werbung, Tags und Weisheit bestehend, offenbarten sich interessante Unterschiede. Graz erscheint ziemlich optimistisch, fast drogeninduziert selig, dem Spürsinn Markovic‘ zufolge finden sich im öffentlichen Raum Schriften wie: „Das Glück ist, wo sie sind“, „Glückswunschkarten“, „liebe das Putzen, rufen sie mich an“, „kann heute leider nicht bei euch sein, bin voll im Stress, der Weihnachtsmann“. (Das erklärt vielleicht, warum Graz die drittfruchtbarste Stadt im deutschsprachigen Raum ist und in Bezug auf Geburten nur von München und Zürich übertroffen wird.) Berlin, das „große Innsbruck mit mehr Currywurst“, wie die Bobos aus dem Viertel Wilten gern sagen, zeigte sich schnoddrig selbstbewusst, immer mit Blick auf die 15 Minuten Ruhm, die uns allen zustehen: „Kiss me I am famous“, „Leben ist legal“, „Nachhilfe für die gute Unterhaltung for free“. Wien dagegen dürfte wohl das unsympathischste, wenn nicht gefährlichste Pflaster sein, den „Wien ist anders“, „Polizeigewalt überall, Gerechtigkeit nirgends“, „Ballspielen verboten“, und „Hast a Tschick“. Beruhigend zu wissen, dass Sprache auch durchs öffentliche Stadtbild realitätskonstituierend und stereotypbedingend funktioniert.

David

Nach langer Zeit gab’s auch wieder zwei Open Mics, in der ersten Hälfte überraschte David, der Barkeeper des Moustache, mit einem witzig-philosophischen Text über die andre Seite des Tresens, dort, wo die Quellen unsrer aller Freuden liegen. Es war ein Bericht aus dem Zentrum uns aller unbekannter Wildheit hervor, so, als wären Helene Cixous und General Kurtz in Gestalt des späten Marlon Brando eine unheilige Allianz eingegangen. In der zweiten Hälfte stürmte ein junge Frau die Bühne, die den schönen Namen Na trug. Die Vermutung lag nahe, dass sie aus dem asiatischen Kulturraum stammt, ein Gedanke, der durch ihren Textvortrag bestärkt wurde, las sie doch ein halbes Haiku und verschwand daraufhin sekundenschnell in Menge und Zigarettenrauch, wie ein Ninja im Bambuswald.

Stefan Abermann, im Zweitleben als Buchhändler leidgeprüft, weil alle lesewilligen Menschen nur noch Shapes of Gay kaufen, erzählte vom epiphanischen Moment, da ihm bewusst wurde, welches Ding noch zum vollständigen Glück fehlt: ein Webergrill, stählernes Gerät für stählerne Burger oder Pizzen. Der Urlaub wird in der Weber-Grill Academy absolviert, sponsored by Red Bull (übrigens, seid wann besitzt ein EergyDrink-Konzern ein besseres Spaceprogramm als die meisten Staaten dieser Welt?), für Leute mit karierten Hemden, die Bier aus kleinen Flaschen trinken. Es gibt keine einfachen Begierden oder niederen Gefühle wie Eifersucht mehr für den Webergriller, was zählt ist „die Lust am heißen Fleisch, anstelle heißer Fleischeslust“. In der zweiten Hälfte blieb Abermann den Anforderungen seines Drittlebens als Märchendichter und -erzähler treu, und brachte einen Grimm-Remix vor, in welchem zwei Brüder den dritten im Bunde verjagen, der sich aufgrund eines Teufelsdeals sieben Jahre lang nicht waschen darf. Dafür hat der dem Pizzamonster aus Spaceballs nicht unähnliche Mann vom Höllenfürsten einen grünen Rock bekommen, der Gold ausspuckt. Hinterlistig, wie es der Mehrzahl abermann’scher Märchen eigen ist, warten am Ende nicht nur Happy-End und große Liebe, sondern auch Tod und händereibender Teufel.

Robert Prosser

Robert Prosser las die Fortsetzungen seiner Septembertexte, erzählte einmal von russischen Gefängnistattoos und einmal von einer Hexenaustreibung im Osten Ghanas. Erster Text vermittelte die beklemmende, gewaltbeherrschte Atmosphäre eines Arbeitslagers, die auf dem Kartenspiel und einer perversen Bereitschaft zu Sieg oder Verlust fußt, Gesichtstätowierungen spielten darin ebenso eine Rolle wie Vergewaltigung und ziemlich wüste Operationen. Als Einstieg in die afrikanische Messe zeigte Prosser ein selbstgefilmtes Video der Zeremonie, deren Trommeln, Rasseln und Tänze ihren Nachhall im folgenden Vortrag fanden, so, als hätte er die ausgetriebene Hexe auf seiner Zunge als Souvenir mitgebracht.
Martin Fritz brachte endlich mal wieder ein Lyrikbingo, basierend auf dem Gedicht: „Wie es wirklich war am Beispiel Bochum“. Vertieft ins schöne Bilderrätsel kann sich der Nachberichtschreiben leider nur noch an die letzte Zeile des Textes erinnern: „Irgendwo heult ein Wolf, göttliche Trias.“ Das allerdings ist ein fein geschmiedeter Vers, ohne Zweifel. In der zweiten Hälfte brachte Fritz die brennenden Fragen unsrer Zeit und Generation vor, beispielsweise: „Sagt man Yeah, Yeah und nochmals Yeah? Hat’s Markus Lanz hingekriegt? Was steht auf dem Spiel? Halten sie sich für politisch oder sexuell andersdenkend?“ Darüber kann nun jeder selber grübeln.

Soviel also zum letztmaligen Feuerwerk gepflegter Performanz, die vor Ort waren, werden es noch ihren Urenkeln erzählen, jene, die es versäumten, sei mitleidig auf die Schulter geklopft und zugleich seien alle auf den nächsten Termin aufmerksam gemacht: 08. November 2012, 20 Uhr im Moustache, mit dem Schweizer Slamwizard Diego Häberli (und dem aktuellen Ö-Slam-Champ).

Fastfacts:
Next T.o.R: 08. November 2012, 20 Uhr, Moustache, mit Diego Häberli

T.o.R. am 11.10. mit Barbi Markovic

barbi markovic

Eines ist sich immer noch ausgegangen, zumindest so lange das Geld nicht ausgegangen ist, und insofern ist Text ohne Reiter unter den Lesebühnen ungefähr das Gegenteil dessen, was beim Ausgehen der Heimgang ist. Darum kommt doch, wenn es euch ausgeht, auch am Donnerstag, den 11. Oktober 2012 um 20:00 Uhr wieder einmal mehr ins Moustache, dann da gehen die Herren hauptnebenamtlichen Performanzliteraturperformer sowie Stammautoren Abermann, Fritz, Koschuh und Prosser ebenfalls hin und nehmen die schönsten Texte aus dem Frühherbst ihres Ausgeh-Lebens mit.

Gekrönt wird das Abend jedoch von der Stadtschreiberin von Graz sowie Autorin des Appropriationsklassikers Ausgehen Barbi Marković, die uns als Gastleserin die Ehre geben wird.

Und die weiteren Sperenzchen wie Open Mic für 2×5 Minuten für Textvortragswillige aus dem Publikum, freie Sitzplatz- und Getränkewahl sowie peinlich genaue Beginnzeit bleiben selbstredend auch erhalten.

Ausgehtipp:
Do 11.10. 20:00h Moustache: T.o.R. mit Barbi Marković

Das Gesetz der Serie: Liebe, Schmerz und des Septembers Nachlese.

T.o.r. im September 2012

Österreichs längst gediente Lesebühne stürzte sich in die sechste Saison, um unterm Banner ekstatischer Performanz mit versierten Schachtelsätzen, kalauernden Sprechtechniken und überhaupt mit Texten, die von der Kraft einer unbestimmten Utopie durchzittert werden, selbst Chuck Norris in den Schatten zu stellen (und die Nordkette sowieso). Text ohne Reiter, dieses kleistogam gewachsene Bühnenungetüm, wäre in einer besseren Welt ein True Love getauftes Boot, unterwegs zur abartigen Version Arkadiens oder zumindest in ein Hafenstädtchen namens Capeside. Der Auftakt des sechsten Jahres hatte zwar darunter zu leiden, dass die Beammaschina kaputt war, doch ließ sich der Elan der Lesebühne von derartigen Schwierigkeiten ja noch nie beengen. Den Umständen entsprechend wurde eifrig improvisiert, um unsrem Stargast den metaphorisch überstrapazierten roten Teppich auszurollen.

Die Farbe Rot jedoch ist nicht unpassend, um sich Slam-Master, &radieschen-Literaturzeitschriftenfrontmann und Autor Andreas Plammer anzunähern, der, unsrer bescheidenen Meinung nach, einen ausgezeichneten Krimi im Gepäck hatte: Fauler Zauber, eine im Dunstkreis von Nachtclubs, leichtem Sex und Blutgerinnung angesiedelte Milieustudie, die mit überraschenden Lebensweisheiten aufwartet, etwa, dass suizidtechnisch Frauen immer in den Lichthof, Männer aber auf die Straße springen. Aufschlussreich, eigentlich. Plammer las von Harald, einem Helden vom Format des jüngeren Bukowski, und führte das staunende Publikum in jene Zonen der Wiener Gesellschaft, über die sich Kaisermühlen Blues nie drüber getraut hat, er erzählte von Reizen und Gelegenheiten (“when god closes a door, he opens a dress”, um eine andre Serie zu zitieren, die fast so gut wie Dawson Creek ist, nämlich Mad Men) und verzückte als Zugabe mit geslammten Witz, indem er als imaginärer Politiker seine Antrittsrede mit Englisch auffettete. Direkt den Pop-Charts entnommen, wurde unter anderem Sprachlosigkeit mit „Words don’t come easy“ und die Drohung, einen Kontrahenten zu steinigen, mit „we will rock you“ frei übersetzt.

Martin Fritz zelebrierte sein Lieblingssteckenpferd Systemtheorie, im Sumpf der Popkultur wildernd packte er Niklas Luhmann an den Eiern, sozusagen, und trug „Potter’sche Paradoxa“ vor. Der Text kreiste daher um Dawsons Creek und den per Video vorgeführten bekifften Diskussionen der Hauptcharaktere Dawson, Joey, Pacey, Chandler und wie sie alle heißen. Hinterm ganzen Geplauder lag selbstverständlich nichts als sexuelles Verlangen, es ist die lauernde, unerfüllte Obsession, die Dawsons Gang und Martin Fritz umtreiben, respektive –trieben, bzw. das Wissen, dass immer irgendwo eine Bessie lauert, die der kleinen Schwester den blonden Schönling ausspannen will. Dem folgten Fritz‘ Top Ten der Randnotizen bei fremden und eignen Texten, Bereich Non-Fiction, die einen sehr kritischen, wenngleich leicht Luhmann-fixierten Denkerdichter entlarvten, in dessen Traumwelten wiederum die gesamte Kaste der Samurai in den heroischen Untergang geschickt wird, man auf Google Maps Städte im SimCity-Modus nachbaut und Rap-Superstars gegen junge Mädchen fighten, die Faith heißen.

T.o.r. im September 2012

Stefan Abermann kürte die Ehe zur Formel 1 des Lebens, die die eignen Kinder als möglichst höchstgetunte Autos benützt. Zumindest der restlichen Lesebühne blieben ob der Abermann’schen Einblicke ins Gatten- und Vaterdasein die Münder offen stehen, sind ¾ von T.o.R doch trotz heiratsfähigem Alter von derartigen Erlebnissen ungefähr so weit entfernt, wie jeder Mensch auf Erden von einem Roundhousekick by Chuck Norris. Also auch nur zwei Sekunden, aber trotzdem verbleiben diese Bedrohungen im Bereich der Spekulation. Darauf folgte ein als „Bärli-Märli“ betiteltes Märchen, das grimm(ig)grausam von einer russischen Oligarchen-Hochzeit erzählte und einen Bären mit Holzbein zum Inhalt hatte, der mit einer Fidel die Vermählung enterte und fürs Musizieren 20 Kühe kassierte. Es wäre aber kein Oligarch, würde dieser nicht den Bären übern Tisch ziehen wollen, weshalb im derart furiosen Finale, dass sich selbst Jacob und Wilhelm die Fingernägel abkauen würden, der Oligarch von der Musik des Bären zerrissen wird. Damit nicht genug, schnappte sich der Paganini des Waldes die Braut und verschwand mit ihr in seiner Höhle. Als Moral blieb die Gewissheit, dass man nicht schlecht vom Bären denken darf und die Frage, ob man so ein Märchen wirklich dem eigenen Kind vorlesen soll. Besser den Gören der anderen Eltern.

T.o.r. im September 2012

Robert Prosser trug einmal einen Text zur erstaunlich ausgefeilten Tattoo-Kunst der sowjetischen, bzw. russischen Straflager vor, der um die darin versteckten Codes und Hierarchien kreiste. In der Zelle kochte unter anderem ein Mann mit tätowiertem Messer auf der Schulter Schwarztee und wirkte zugleich als Henker, während Karten gespielt und die Haut gestochen wurde, was das Zeug hielt. Tatsächlich alles wahr und bezeugt, man konnte sich also ausmalen, was auf die Mädels von Pussy Riot im schlimmsten Fall zukommen wird. In der zweiten Hälfte stellte Prosser seine Sommeraktivitäten und dementsprechende Reisen vor, es folgte nämlich ein Text zur Hexenaustreibung in Ghana. Prosser wird wohl nie ein Tiroler Heimatschriftsteller werden, sondern testet lieber westafrikanische Trommelrhythmen auf ihr Trancepotential aus. Als Intro führte er sogar ein selbstgefilmtes Video der Dämonenjagd vor, das nie abgeschlossene Studium der Kultur- und Sozialanthropologie ging da mit ihm durch, aber irgendwie muss man dem ganzen Ekstasenwahnsinn auch beikommen.

Markus Koschuh wird die TirolerInnen nun sogar in ihren Fernsehgeräten beglücken, um der Tirol-Heute Moderatorin ein ähnliches Trauma zu verpassen, wie es Otto einst Ingrid Thurnher unter den Rock kitzelte. In seinem Text wurde Koschuh Zeuge, wie eine ältere Frau Tennisschuhe kaufen möchte, ausgehend von ihrer Frage, ob man mit diesen auch normal gehen könne, dachte er sich in die Rolle des Verkäufers und lieferte einen saukomischen, schweinischsadistischen Gedankenlauf, an dessen Ende die Alte gequält und in Tränen aufgelöst am Boden lag. Im zweiten Text blieb Koschuh der Thematik im weitesten Sinne treu und erzählte von der Dramatik eines Tennisspieles. Erneut enthüllten die Innenansichten, welche komplexen Gedanken im Kopf Koschuhs eigentlich während jener spannenden Sekunden gesponnen werden, in welchen ein Netzroller den Sieg zugunsten des vormaligen Pensionistinnen-Quälers bringt.

T.o.r. im September 2012

Soweit also der Nachbericht zur ersten Show der 6. Saison, der wiedermal bestätigt, dass sich der ganze Performanz-Wahnsinn, der monatlich im Moustache abgefeuert wird, sowieso nicht ausdrücken, geschweige denn nacherzählen (aber immerhin fotographieren) lässt.
Es bleibt die Gewissheit, dass es großartig war und die nächste Live-Action noch besser werden wird, auch wenn dies fast unmöglich erscheinen mag.

Fakten für Zapper mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne: Nächstes T.o.R. Serienfest am 11. Oktober 2012, 20 Uhr im Moustache, mit Barbi Markovic.

T.o.R. am DO 13.9. mit Andreas Plammer

Andreas Plammer

Alles ist immer jedes Jahr das Selbe, so auch der September-Termin beim starrsten Dynamik-Cluster aller variablen Invarianzen oder wie oder wie andere auch sagen: bei Text ohne Reiter, der konstantesten flexiblen Lesebühne Innsbrucks. Und da es auch nicht sein anders sein könnte, als es sein kann, so laden wir Berufsurlauber und ehrenamtlichen Performanzliteraten sowie Stammautoren Abermann, Fritz, Koschuh und Prosser auch diesmal wieder ins Moustache um unsere schönsten Ferienerlebnisse vorzulesen, sowie die besten Postkarten, die wir uns gegenseitig geschrieben haben und vielleicht gibt es zur Veranschaulichung auch einen Urlaubsdiavortrag. Oder es kommt ganz anders und wir lesen doch die besten neuen Texte, die wir im Sommer frei aus unserer Fantasie erfunden und aufgeschrieben haben. Wer weiß schon, welches von beidem – wir wissen ja schon nicht, was wir letzten Sommer getan haben. Passieren wird der ganze faule Zauber jedenfalls am Donnerstag den 13.9. um 20:00 Uhr.

Zudem verhält es sich so, wie es ist (also Open Mic für 2×5 Minuten für Textvortragswillige aus dem Publikum, eh klar, kennt ihr schon), und nicht vielmehr ganz anders, woraus weiters logisch folgt, dass wir als Gastleser den fabulösen Andreas Plammer aus dem von der schönen Traisen durchflossenen Wien engagiert haben. Über dessen Tun und Lassen informiert dessen wunderschöne Website, wenngleich sie verständlicherweise doch einen deutlichen Fokus auf ersteres legt. Dieser Informartion gar nicht bedürfen dürften jedoch die meisten, die Andreas Plammer von seinen zahlreichen Auftritten bei wohl sämtlichen Poetry Slams, Lesebühnen und überall sonst, wo ein Mikrophon rumsteht her kennen oder in seiner Eigenschaft als Redakteuer der Literaturzeitschrift & Radieschen, die er als Büchertischbetreuer z.B. auch schon beim Bierstindl respektive Bäckerei Poetry Slam in Innsbruck unters Volk brachte. Und wenn ihr dazu keine Fragen mehr habt, dann hat sie eben der Plammer selbst, und was für welche.

Fun-Factbox:
Do 13.9. 20:00h Moustache: T.o.R. mit Andreas Plammer

Das Ende der Sommerpause

Die gegen Ende der Sommerpause am häufigsten an Element of Crime denkende Performanzgruppe des Landes, oder wie andere auch sagen: Text ohne Reiter, die Innsbrucker Lesebühne, veröffentlicht hiermit mit Stolz und Dringlichkeit die in der schönsten Zeit des Jahres ausgeheckten Pläne für die kommenden Monate:

T.o.R. Flyer Herbst 2012

DO 13.09.12 mit Andreas Plammer (Wien)
DO 11.10.12 mit Barbi Markovic (Wien)
DO 08.11.12 mit Diego Häberli (Bern)

Sämtliche Pferde so schön ins Werk gesetzt hat wie immer Carmen Sulzenbacher und die ganzen dreckigen Details, Daten und Fakten und vielleicht sogar auch die eine oder andere Informatiaun wird euch rechtzeitig, kurzfristig und on demand hier erreichen und überall sonst, wo wir sie ins Internet schreiben, damit ihr dann alle wieder zur rechten Zeit am rechten Ort, nämlich dem fabelhaften Moustache sein werdet. Es ist doch ohnedies schon längst zu spät, um jetzt noch aufzuhören, also fangt gar nicht erst damit an, nicht mehr zu erscheinen, wir tun es ja auch nicht.