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Flora und Fauna im Modus der Autoerotik: Das war T.o.R. im Mai!

Wenn im Wald ein Baum umfällt, und niemand da ist, um es zu hören, würde ein Hipster trotzdem den Soundtrack dazu kaufen? Unter vielen anderweitig zu introspektiver Ruhe drängenden Fragen wurde im Mai auch dieser an den Leib gerückt, Text ohne Reiter schreckt weder vor Kalauer noch Kierkegaard zurück, sondern antwortet dann, wenn es wirklich nötig ist: Wenn ein Zwerg Weed raucht, wird er dann high oder medium? Wer unseren letztmaligen, performativen Höhenflug besuchte, weiß Bescheid. Schweinchenrosa und babyblau moderierten Markus Koschuh und Martin Fritz mit spitzer Klinge und Nonchalance, wobei natürlich auch zwei Koboldmakis dazu gereicht hätten, riss doch Michael Jakob, unser aus Nürnberg angereister Stargast, die Herzen des Publikums an sich, als würde er in Willis Erdbeerland ungeniert von allen Sträuchern naschen.

Seine Pointen folgten wie Punches a la Tony Jaa noch schneller aufeinander, als dieser Nachbericht auf das zu rekapitulierende Großereignis. Michael enthüllte, dass Kosenamen in Wahrheit eine Strategie sind, um sich nicht die Namen wechselnder Sexualpartner merken zu müssen, es gab ein Hormondrama in 3 Akten; dargeboten, den Streit von Hirn und Hoden, bloß, den Trieb auszuleben geht an die Substanz, da auch das Weib mit Wollust sein Schwert begehrt, zudem wurde Jesus wiedergeboren und mit Erste-Welt-Problemen konfrontiert, ließ sich etwa ein Bad ein und schwamm ärgerlicherweise auf der Oberfläche, hatte auf Facebook nur 12 Freunde und die waren alle jünger. Als Zugabe folgte ein erstaunliches Gedankenexperiment: Wenn Orgasmen das Leben verlängern, wieviele braucht man, um unsterblich zu werden? Autoerotik, alle 5 Minuten ausgeführt und aufgeschleckt, war da noch das mindeste. Das Publikum dankte es Michael Jakob mit Applaus und einer Schampusdusche, gäbe es ein solches Getränk denn im Moustache für eruptive Äußerungen großer Freude zu erstehen, und wenn schon Konjunktiv, dann richtig: wäre das Moustache zu T.o.R.-Zeiten ein Gewächshaus, fiele Michael Jakob die Rolle eines floralen Killers, von welchem The Pittsburgh Press am 4. Januar 1925 berichtete, nicht nur zu, sondern gebühre ihm, früge wer wolle.

Schweiniglerisch den Tieren und der Liebe zugewandt, versuchten auch die in Vollbesetzung aufmarschierten Stammleser den Eindruck hodenförmiger Wurzelknollen (a.k.a. Orchideen) zu erwecken, um zu beweisen, dass in zeitgenössisch literarischer Performanz noch sehr viel Spielraum für Sex aller Art und menschelnde Tiere zu finden ist. Schlaglichter wie die folgenden seien genannt: Es gab einen männerfressenden Vamp, am Schlagerhit „Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden…“ verzweifelnd auf der Suche nach dem schlechtesten Liebhaber ihrer Karriere und einen Brief an die Oma als gefinkelten Hinweis auf bevorstehende ÖH-Wahlen (Markus Koschuh), Faktenwissen zum begnadet Schleicher tanzenden Faultier, das sich wundert, warum Tarzan immer glattrasiert ist und den Monolog einer Sandlerin vom Wiener Praterstern, die über Liebhaber und den Schädel von Descartes nachdenkt (Robert Prosser); eine Grillparty crashende Einhörner namens Wiebke und Merit, die wie Yoda reden, nur ohne dem ganzen Prä-Coelho-Eso-Scheiß: „Du keine Spaßzigarette mir drehst, warum?“ und die eheliche Vermählung in all ihrer Vielfalt, per TopTen-Listen gezüchtigt (Martin Fritz), Lachse, die dem vorgetragenen Animalismus die Krone aufsetzen, indem sie nach einem Peter Rapp-Fingerschnipp aus dem Wasser springen, einen Baum fällen und sich selbst räuchern, sowie erste Frühlingsgefühle, die sich trotz der vom Vater geborgten Lederjacke nicht erfüllen, aber bis zum nächsten Winter immerhin einen Spaziergang unter Freunden ermöglichen (Stefan Abermann).

Heissa, es war ein tollkühner Pollensturzflug, der sich am 09. Mai zu Innsbruck abspielte, thematisch zwischen xhamster.com und ittlefacemitt.tumblr.com weite Felder gesellschaftspolitischer Relevanz beackernd. Wir bedanken uns bei Andreas, der als Open Mic sowohl auf als auch abseits der Bühne nicht mit Rundumschlägen geizte; es bleibt die Frage, wie dies alles beim nächsten Mal zu toppen, wenn die 6. Saison zum Abschluß gebracht und dafür ein Stargast an den Inn geholt wird, der dieser Saisonabschlußsause mehr als würdig ist: Christine Teichmann.

Factflashlight: Next T.o.R. Am 13. Juni 2013, ab 20 Uhr im Moustache, Innsbruck

Arkadische Bombengeschwader: Das war T.o.R im April 2013

Trunken von Pollenflug und Bestäubung zelebrierte Text ohne Reiter einen vorzeitigen Maitanz, wie listige Nymphen, aus Mittsommernachtsträumen geschlüpft, verteilte die Lesebühne verbale Blumenkränze und goß ein Füllhorn textlichen Frühlingserwachen übers dichtgedrängte Publikum aus, woraufhin das Moustache dem aufgeregten Inneren eines Bienenkorbes in nichts nachstand. Durch den Abend führten Stefan Abermann und Martin Fritz, die beiden Meister der hohen Kunst des modischen Color-Blockings, wie gewohnt charmant. Markus Koschuh war verhindert, nahm er doch im Team mit Andy Borg an einem Seifenkisten-Charity-Wettbewerb im Stanglwirt zu Kitzbühel teil. Prominenz, wem Prominenz gebührt, sagen wir da nur, als Ersatz trug Robert Prosser immerhin eine neue, schwarze Hose.

Das Publikum bezaubernd, mit lyrischem Funkeln bestäubend gleich einem Kolibri, der mit Ronja Räubertochters Kriegsgeheul wie ein Bombengeschwader aus Arkadien über Tirol kam, war des Abends bemerkenswerteste Blüte ohne Zweifel Theresa Hahl: Sie beschwörte Abenteuergeister, Geheimzeichenzeichner, brachte Herzmären vor, spazierte zwischen Wolkenästen und wagte Kamikazesprünge ins Kardioquadrat. Theresa Hahl stampfte und schnippte, um in spröden Gelenken die Zeit zu verrenken, verpasste dem Publikum Spliss in den Adern, herzhaft zu zerfasern stand auf dem Programm. Verlorengehen ist auch eine Art der Bewegung und an den Schnittstellen der Wahrheit faltete unser Stargast lyrische Origami; ausgefallen, schön und lebendig.

In Tagclouds, die gleich psychedelischen Nordlichtern, die der Klimawandel nach Innsbruck zu bringen gedenkt, durchs Moustache zogen, lassen sich die weiteren Inhalte wie folgt umreissen:

Heimwerker: Solche legten sowohl die Wohnung von Stefan Abermann als auch von Martin Fritz zu Schutt und Chaos, aus zweierlei Blickwinkel ein Aufprall kunstsinniger Akademikern mit raubeinigen, dialektal ausgiebig fluchenden Heimwerkern als Kampf mit Fugenmassen und Sicherungen und über allem schwebt bedrohlich die 8er, 10er, 12er oder 14er Krechel.

Träume: In Robert Prossers unerwartet witzigen Tiertexten träumten Pessoalesende Anglerfische davon, zu den Sternen auszuwandern und forderte ein fieser Koboldmaki („deine Mutter fickt für Ziegel, um deiner Schwester ein Hurenhaus zu bauen“) von der Evolution postalisch die Liebe der Seepferdchen. Martin Fritz trug Aufzeichnungen persönlicher Träume vor, die, nachdem das Betthupferl aus einem Girls-Serienmarathon bestanden hatte, z.B. Notoperationen unter der Anleitung von Youtube-Videos zum Inhalt hatten.

Musik: Stefan Abermanns Erfahrungen beim Babyschwimmen mündeten in der Angst, das Kind könne von der väterlichen Fahne eine Alkoholvergiftung bekommen, und als die Getränkekarte des Vorabends aus dem Inneren des verkaterten Vaters strömte, gebärdeten Babies sich wie Rockstars. Martin Fritz las Charts in erweiterter Form vor, nämlich Top Ten Listen, u.a zu Modefehlern und den peinlichsten Unternehmungen, einen davongelaufenen, geliebten Menschen rückzugewinnen, und von Robert Prosser kam eine frühlingshaft mitreißende Sprachrhapsodie als Monolog eines Straßenmusikers, welcher um Jazz, Swing und das Dritte Reich kreiste.

Großartig war es, keine Frage, auch dank zweier Open Mics, wir bedanken uns bei Christoph, der als Musterbeispiel proaktiven Unterrichts von der Lehrerin angemeldet worden war und mit Augenzwinkern Herzschmerzen auf menschliches Triebwerken runterbrach, und Barbara, die kommunikative Grenzen auslotete und anhand der Geschichte von Elvira die Machtverhältnisse zwischen Mutter und Tochter greifbar machte.

So macht es denn alle wie Seepferdchen, trefft euch zur Paarung unterm Mondenschein und singt währenddessen, vergesst nicht, den schwangeren Partner trotz vollgestopftem Eiersack jeden Morgen zu umarmen und kommt hurtig am 09. Mai zur nächsten Show.

Fast Facts for Fast Swimmers: Next T.o.R. am Donnerstag, 09. Mai 2013, um 20 Uhr im Moustache, mit Michael Jakob (Nürnberg).

Zombie-Ponys und ferne Länder: Das war T.o.R im März 2013

Sämtliche hohen Künste der literarischen Performanz, die die Meisterschaft einer Lesebühne bewahrheiten, wurden in der fulminant präsentierten März-Ausgabe von T.o.R. dem Publikum zu Gehör und vor die Augen gebracht. Man flog ins Licht und sauste Richtung Dunkelheit, es wurde gelacht und geweint, erzählt und parodiert, gefräst und appelliert; irrlichternde Geschichten verwandelten das Moustache in ein magisches Karussell, welches sich um nichts anderes als die perfekte Abendunterhaltung drehte.

Madga Woitzuck

Mit Worten, die aus modifiziertem, hitzeresistentem Ikaruswachs geschrieben worden sind, schoss besonders Magda Woitzuck dem Publikum in Herz und Hirn und darüber hinaus in Richtung ersehnte Sonne. In der von unzähmbaren Ponys mit wuscheligen Mähnen durchrittenen, von manchen Insidern auch als “alpine Orzaks” bezeichneten Wildnis Niederösterreichs schmiedet Fräulein Woitzuck ihre erzählerischen Kleinode, die im Moustache zu Innsbruck verführerisch aufblitzten. Sie las aus ihrem neu erschienenen Erzählband Ellis. Eine Trilogie und lockte ins unheimliche Stampfen des Schiffmotors, welches in der Titelgeschichte die Kajüte erzittern lässt. Die Atlantik-Überfahrt wird zu einer Wandlung, an deren Ende nicht nur die Ankunft in New York und neue Namen, sondern auch die ersten leidvollen Erfahrungen von Tod und Sünde stehen. Sich diesem Sog der Erzählungen zu überantworten, sei wärmstens empfohlen und daher mit Vehemenz auf das Buch verwiesen.

Wie nicht anders zu erwarten griffen die vier Lesebühnenveteranten in der Manier ausgefuchster Hasen jene Themen auf, die unser aller Gegenwart prägen wie Brandeisen:

bundesheerliche Hengste: Stefan Abermann präsentierte einen alternativen Morgenappell, nach Benko-Kakao und Marmeladenbrot werden Gewehre im Plüschmantel verpackt, „der Mund ist das Gewehr des Gesichtes“ gibt der eifrige Vizeleutnant den empfindsamen Rekruten mit ins Schlachtfeld, schließlich geht`s auch beim Heer immer nur ums Reden und um die Gefühle. Darauf servierte Abermann Vorschläge, wie die Pferdefleischkrise sich ins Positive wenden ließe, indem z.B. McStallion und Pony2go bei einer von DJ Ötzi beworbenen Fastfood-Kette angeboten werden. Als weitere Folge des equidaesken Aufstiegs in der Nahrungskette gewinnt Hugo Simon ein Comebackrennen auf der Almkuh Resi, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

metallene Paviane: Der einzige Lesebühnestammleser mit einer halbwegs absolvierten Militärkarriere ist übrigens Robert Prosser, der als Gebirgsjäger zu St. Johann gezwungenermaßen der Landesverteidigung frönte. Prosser erzählte von einer Tierart, von der man nie genug hören kann, sind wir uns ehrlich, nämlich von Pavianen, die während des Burenkrieges in Südafrika einen Exiltiroler und einen morphiumsüchtigen Dichtern beim Laudanumkochen begleiten. Die körperliche Entgrenzung wurde auch im zweiten Text gesucht, in welchem ein Schwertschlucker in die hohe Kunst einführte, sich Metall in den Rachen zu stecken, um Thorax, Zwerchfell, Cardia mit Leichtigkeit zu überwinden und tief im Magen das Glück zu entdecken.

Markus Koschuh

intime Heiligsprechung: Markus Koschuh schlüpfte in die Stimmbänder Van-Staas, der Wallnöfer den Heiligenschein verpassen will. Ein Platz unter den schwarzen Manda ist reserviert, unter linguistischen Parodieverdrehungen wurde in der Politkerrede auch das Institut für Germanismus bemüht, um in sieben Gründen die Rückübertragung des Agrarbesitzes zu verhindern. Auf diese in Schauspiel und Wortlaut einwandfrei treffende Persiflage folgte eine berührende Geschichte über eine Postkarte, die dem schlafenden Koschuh im Zug nach Zürich aufs Knie gelegt worden war, als flammender Monolog an eine heimliche Verehrerin: „gib mir ein Zeichen, mache mir deinen Namen zum Geschenk“.

kaiserliches Gefräse: Martin Fritz fügte der Romantik noch ein Schippchen hinzu und stellte seinen Entwurf für den vierten Sissi-Film vor. In diesem überbordenden Skriptentwurf übt die Prinzessin heimlich Mambo, wird Brasilien von Soldaten erobert, die alle von Nicolas Cage verkörpert werden, und liegt unter der Hofburg der Zugang zur Hölle, welchen Rolemodel Christopher Waltz öffnet, um Wien und Kaiserreich ein Zombie-Vampir-Einhörner-Gemetzel zu bescheren. Darauf gabs einen Text der zenbuddhistischen Gleichmut, als Besitzer einer Schneefräse berichtet Fritz darin vom bescheidenen, sanften Fräsen auf dem kleinen, überdachten Wohnungsbalkon, er fräst und fräst einen Zentimeter vor und einen zurück, bis die Gedanken leicht wie Schneeflocken und ebenso widerstandslos ins Nichts schmelzen.

Es gab ferner ein vielversprechendes Openmic von Rebekka, die eine Brandrede wider die gesellschaftliche Oberflächlichkeit zu bieten hatte und mit dem Wissen entlohnt wurde, dass eine Lesebühne kein Slam ist. Der angeprangerten Verlogenheit von Küsschen links, Küsschen rechts zum Trotz verabschieden wir uns in exakt dieser Art, also Küsschen links, wehrte Leser und Leserinnen des Nachberichtes, Küsschen rechts, und weil wir in Tirol und Verfechter der freien Liebe sind, gibt es noch ein zweites Küsschen links und eines auf den Mund obendrauf.

Madga Woitzuck

Trinkt also Benko mit Laudanum und träumt vom Paradies, denn allesamt sind wir Froschprinzessinnen, die mit Sicherheit am 11. April von Theresa Hahl wachgeküsst werden.

Facts by Christoph Waltz: La T.o.R. prochaine on 11th April 2013, 20 a la hora en Moustache, con Theresa Hahl (Marburg). Tiam do gis revido! Ciukaze!

Busenneidische Zirbenschänder torkeln übern Laufsteg: Das war T.o.R. im Februar 2013

Da der hohe Festtag des Valentins zu begehen war, pochten im Moustache zu Innsbruck Publikumsherzen glückselig vor sprachlich induzierter Romantik. Applaudierende Hände glichen den Flügeln aufgeregter, weißer Tauben, schwarmweise stiegen Vivat-Rufe und literarische Bonmots in die Luft. Gründe zur Freude gab es zuhauf, was vor allem an unseren Gästen lag: Helena Schmidt und Simon Cazanelli aka Senza Parole.

Senza Parole

Noch nie waren besser gekleidete Menschen auf der Bühne unserer der Mode zwar nicht abholden, in Bezug aufs äußere Erscheinungsbild aber ein schnoddriges Understatement pflegenden Performanzshow, deren Laufstegqualitäten zugegebenermaßen nur in Form von Martin Fritz‘ schmalen Krawatten zu belegen sind. Abseits rein optischer Vorzüge bot dieses slamtechnisch wirbelwindartig Bühnen fegende Team eine SpokenWord-Valentinsblumenstrauß, welcher gar wunderbare Blüten bereithielt. Unter anderem wurde auf Italienisch und Deutsch gesungen und sprachliches PingPong gespielt, crazy like Patrick Swayze Taylor Swift zitiert, im Doppelpack 5 Gründe genannt, warum Katzen besser sind als I-Pads (ein Lebewesen, welches in derartigen Videos agiert, stellt einfach alles in den Schatten, keine Frage), im Duett der Weltuntergang vom 21.12.2012 heraufbeschworen und eine Freiheit anvisiert, die dort draußen liegt, wo das Web 2.0 beginnt. Ganz großes Kino, die Lesebühnen-Stammbesetzung verneigte sich ehrfürchtig wie ein Lakai vor seiner Andrea-Berg-narrischen Kronprinzessin.

Senza Parole

Diese, also die Stammbesetzung, musste leider auf Markus Koschuh verzichten, weilte er doch in Köln, um dort vom Fernsehsender RTL als Nachfolger von Cindy aus Marzahn aufgebaut zu werden. Die verbliebenen drei T.o.R.en gaben ihr Bestes, was, kurz rekapituliert, aus folgenden Schlaglichtern bestand:

Busenneid: Stefan Abermann erzählte von der achten Todsünde, die zwischen Vater und neugeborenem Kind eine tiefe Kluft zu treiben und die einmalige Absenz der Mutter in einen schier nerventötenden Psychokrieg zu verwandeln imstande ist, der das Publikum wiederum zu frenetischem Gelächter und Applaus verführte.

Kleistogamie: Robert Prosser las passend zum Feiertag seine Neudichtung der antiken Lovestory schlechthin und blickte in eine besondere Inspirationsquelle aus Ovids Metamorphosen, nämlich in die Legende von Narziss, welchen angesichts des eigenen Spiegelbildes die Liebe wie der Faustschlag eines Spartaners traf.

Robert Prosser

Zirbenschänder: Martin Fritz trug einen wohlklingenden Dialektwalzer vor, der in schönstem Tirolerisch vom Zirbenschnapsbrennen berichtete. Die Haudegen hiesiger Destillierkunst, im 3/4 Takt hochprozentiges Geisteswasser zaubernd, sind demnach harte Knochen, die vom Zulingzapfen bis zum Oachkatzl alles in den Brennofen hauen.

Stefan Abermann und Martin Fritz

Martin Fritz präsentierte weiters zehn die Sissi-Filmtrilogie betreffende Verbesserungsvorschläge, die unter anderem Achselbehaarung, Ankertattoos und wilde Liebesbeziehungen zum Inhalt hatten (empfohlenermaßen hier nachzulesen), Robert Prosser trug auswendig und rhythmisiert ein Gedicht übers Ausgehen im Allgemeinen und Drum’n Bass Partys im Besonderen vor, energetisches Strandgut seiner Sturm-und-Drang-Phase, und Stefan Abermann kredenzte dem Publikum ein Gebet, worin ein vormals Zweifelnder, der im Zentrum seines Lebens nur ein großes, schwarzes Loch zu erkennen glaubte, durch die Verurteilung Ernst Strassers Erlösung findet.

Die übliche Verbeugung

So wird es also gewesen sein, anno Februar 2013, dies noch zu übertreffen ist unser ehrliches Anliegen, der nächste Versuch, diese Unmöglichkeit zu bewerkstelligen, findet am 14. März statt, mit Magda Woitzuck als Don Quijote und Abermann, Fritz, Koschuh und Prosser als vierköpfiger Sancho Pancho. Wider der Nordkette, den Windmühlen und den Verheißungen des Après-Skis!

Hardfacts: Next T.o.R. am 14. März, 20 Uhr im Moustache, mit Magda Woitzuck.

Nosferatur, Gänseblümchen und Tresenweisheit: Das war T.o.R im Jänner

Endlich paradierten die vier Reiter mal wieder gemeinsam als kostümierte Tierchen des Performanzzirkusses, Stimm- und Sprachkunstwerke vollführten putzig wie See- oder edel wie Lippizanerpferde ihre monatliche Kür. Was bliebe auch anderes zu tun: Markus Koschuh, der Diego Rivera österreichischer Bühnenwelten, ist zu promiskuitiv für den ZDF, Martin Fritz, Die Heiterkeit in Reinkultur, ist wie Robert Prosser, der Tiroler Ryan Gosling für Arme, zu sexy für ATV und Stefan Abermann schadet es auch nicht, mal das Haus zu verlassen.

Daniela Dill

Martin Fritz eröffnete den Abend im rappelvollen Moustache mit einer Suada über das literarische Schreiben. Wie einen Gänseblümchenkranz flocht er die Gedankenwelten der in einer Bar versammelten Autoren ineinander, es wurde über erste Sätze gegrübelt oder über den Marktwert von Krimis mit regionalem Bezug sinniert. Daraufhin las er eine Kostprobe aus dem derzeit besten Textkonvolut vor, welches die Innsbrucker Szene zu bieten hat, nämlich Spotted. Ganz großes Drama! Damit nicht genug, folgte ein tückischer Persönlichkeitstest; als wären es nervöse Schmetterlinge auf einem dieser schönen Bilder von Rohrschach flatterten Neurosen durch den Bierdunst des Moustache‘. Um die feine ironische Klinge des Tests gänzlich genießen zu können, sei unbedingt empfohlen, sich das Original zu Gemüte zu führen, nämlich hier.

Robert Prosser

Zwar befinden wir uns schon in der sechsten Saison, trotzdem wartete der vergangene Termin mit einer Premiere auf: Robert Prosser hatte erstmals etwas halbwegs Witziges vorzulesen, und zwar einen Text von zwei Männern, die sich in einer Bar zufällig zur Trinkkameradschaft zusammenfinden und massenweise schlechte Metaphern auszutauschen haben. Gläser standen auf dem Tresen wie leblose Objekte und die beiden Philosophen wurden zu guten Freunden, wie die Mädels und Jungs in Friends. Obendrauf gab es einen Text zu Graffiti, der den Hauptakteur in U-Bahnsystem begleitete, in welchen es vor Adrenalin und Aerosoul nur so dampfte, dargebracht in einem treibenden Duktus, der eine gesamte Zuggarnitur durch den Brennerbasistunnel ziehen könnte.

Daniela Dill

Unser Schweizer Stargast wiederum verstand es, dass Publikum wie nichts um den Finger zu wickeln, als wäre die begeistert ins Moustache gezwängte Menschenmasse ein echtes Liestaler Käsefondue, in welches Daniela Dill ihre Spoken-Word-Juwelen wie Brotstücke streute. Sie erzählte von den backgepackt Beachressorts wie Hippieenklaven abklappernden Globetrottlern, Kafka, welcher nicht aufs Schloss, doch dafür in feuchte Hirngewinde kam, schob sie ein Kind unter, Novellen wallten sich durch Zaubersprüche, der Heiligenschein wurde zur Hölle geschickt, der Spiegel als Arschgesicht bezeichnet und einmal saß sie sogar nackt, wie Gott sie schuf, in der Kirche. Beide Auftritte ihrerseits samt Zugabe waren ein Lehrstück an mitreißender Performanz, vom Publikum wie von den Stammautoren bestaunt und frenetisch beklatscht.

Markus Koschuh

Markus Koschuh las, am Puls der Zeit wie eh und je, einen Text mit Titel “Shades of Vampire”, worin nicht nur an Splatterelementen gegeizt, sondern auch eine Frau mit einem Cevapcici erwürgt wurde. Am Höhepunkt stand die Vampirattacke auf den Bischof, denn da Katholiken Blut trinken, kann die Verwandtschaft zu den Nosferatujüngern nicht weit sein. Koschuh haute noch eins drauf und gab einen Ausblick auf 2013 zum Besten. Diesem Zukunftsorakel zufolge wird das Parlament zur Red Bull Polit Area, die FPÖ darf Sitzungsprotokolle in Runenschrift verfassen und für Herbst hat sich der Staatsbankrott der halben EU angekündigt.

In einen ähnlichen Hals vergrub Stefan Abermann seine literarischen Beißerchen, als „Bi(s) zum Anschlag“ betitelte Tagebucheinträge gewährten Einblick in eine wollüstige, junge Frau, die sehr gerne wow! schreibt, im Aktzeichenunterricht dem Nacktmodell und Drakula William Oswald Wellington verfällt und von diesem zu einem Anschlag auf die UNO überredet wird. Es folgten die Weihnachtsprotokolle von Frank Stronach, der seine Familie unterm Tannenbaum als Team Christmas vereinigte und ihnen Werte von Freiheit und Transparenz vermittelte. Zungenschlagsmässig eine eins-zu-eins-Darstellung des privatwirtschaftlichen, gemäßigt-diktatorischen Entrepreneurs, der Felix Baumgartner vermutlich bereits einige feuchte Träume verschafft hat, wovon nicht nur die Economy, sondern besonders die Lesebühne profitierte, wovon sich beim Betrachten von noch mehr Fotos überzeugt werden kann.

Und damit bis zum nächsten T.o.R.

Da wir, um den Auftritt von Daniela Dill annähernd toppen zu können, mindestens doppelt so viele Spoken-Word-Könner zu uns auf die Wettcouch bitten müssten, machen wir genau das: Helena Schmitdt und Simon Cazzanelli beehren uns als Team Senza Parole am 14. Februar. Valentinstag ist so was von 2012, 2013 zählt einzig Text ohne Reiter.

Fastfacts: Nächstes T.o.R. am 14. 02. 2013 um 20 Uhr im Moustache mit Senza Parole

Pein, Zwetschken und Sinnfindung light: das war T.o.R. im Dezember

Mario Tomic und unscharfer Kurzinterviewer Stefan Abermann

Überraschen wird es nicht dass Text ohne Reiter auch im Dezember im Moustache zelebriert wurde, dass es eine Art hatte – und damit ist wohl gemerkt nicht nur der von Gast Mario Tomic mitgebrachte Slivo gemeint.

Markus Koschuh und Stefan Abermann

Denn Robert Prosser war leider unabkömmlich, da er in den Studios der BBC in Sheffield zum neuen Anchorstar aufgebaut wurde, aber die verbliebenen Stammautoren kredenzten auch zu dritt ein vielfältiges und doch stets sanft die schönen Themen Folter und Gewalt umschmiegendes Literaturperformanzprogramm:

So erklärte Stefan Abermann, wie man sich dem Schlosser gegenüber rausredet, wenn man nach der Lektüre eines aktuelles, auch als “Shapes of Gay” bekannten Bestsellers mal wieder in die Fesseln gefallen ist und wie tomic der Tomic ist, Martin Fritz entführte in ein lyncheskes Schneekugelkaleidoskop aus Privatyachten und Folterkellern und hommagierte dem besten Film aller Zeiten und Markus Koschuh huldigte schließlich im grammatischen Zentrum seines Grammatischen einem Großmeister der Grammatik, der dennoch den Tod eines Igels zu verantworten hatten und erzählte passenderweise von einem Goliath mit ohne rechtem Arm.

Mario Tomic

Gastleser Mario Tomic entzückte die verwöhnten Ohren des gut gekleidet und zahlreich erschienenen Publikums mit einem seinem liebsten Tierdichter gewidmeten Survival-Training im Grazer Univiertel, bei dem, wie es bei Tomic-Texten nun einmal so gehört, von reichlich (Körper- und anderen) Flüssigkeiten, Mur-Überquerungen und eben Säugetieren die Rede war, einem gestiefelten Kater, Zukunftsvisionen, die den Mond als Werbefläche und einen Krieg Österreichs gegen die Vereinigten Staaten enhielten sowie diversen weiteren feuchten Angelegenheiten.

Abgerundet wurde der Abend noch durch zwei das Open Mic nützende Herrschaften: philmarie dozierte über die Verabscheuungswürdigkeit aller Menschen und wies damit auf seine poltische Lesebühne am 18.12. im DeCentral hin und David wusste wie gehabt von hinter seiner Seite des Tresens hervorkommend von der Apokalypse und Sinnfindung des kleinen Mannes zu berichten. Und noch mehr Fotos von diesem Spektakel bietet der vorangegangene Link.

Die übliche Verbeugung bei T.o.R. im Dezember 2012

Harte Fakten:
Nach der Lesebühne ist vor der Lesebühne, darum hier der Hinweis auf das nächste T.o.R. am DO 10. Jänner 2013 um 20:00 Uhr mit Daniela Dill

Viel Blut und noch mehr Katzen: das war T.o.R. im November

T.o.R. im November 2012

„American Beer is like Sex on a Boat. Fucking close to water” sei ein Sketch von Monty Pyhton zitiert, um zu veranschaulichen, wie sehr das Gegenteil auf Westösterreichs einzige Lesebühne zutrifft: Text ohne Reiter ist das, was Alkoholiker gerne trinken würden, wenn der Stroh-Rum fertig und die Flasche mit Klosterfrau Melissengeist leer ist, denn wäre Text ohne Reiter selbstgepanschter russischer Wodka, würde dieser nicht nur blind, sondern auch katatonisch machen. Jede vorgetragene Punchline ist ein kleiner, unerbittlicher Chuck Norris und bei der Geburt aß Text ohne Reiter den Mutterkuchen.

T.o.R. im November 2012

Dieses Sprachbild wurde von niemand geringerem als unserem Novembergast höchstpersönlich geklaut: Diego Häberli. Diego, Slamdichter von zorniger Götter Gnaden, angereist aus Bern, der an den Ufern der Würst gelegenen Bastion ergreifender literarischer Performanz eidgenössischen Zungenschlages. Er wechselte gekonnt wie später beim Tischfussball die Seiten, tanzte wie eine höllische Ballerina Schwanenseewellen zu Worten wandelnd durch die Köpfe des Publikums. Er deklamierte, schmeichelte, schrie und erzählte unter anderem vom Winter am Strand, von Gedanken wie Untiefen, und Drogen, die wir selbst sind. Branntwein gurgelnd Wohlfühlfassaden hochgezogen tauchte er ein ausuferndes Fleischliebegedicht aus der Blutsuppe. Des Metzgers Kinder entleiben darin Schweine, selchen Herzen, werfen wortwörtlich Augen und geben dem Sehnen nach Sehnen poetischen Ausdruck. Dem hingerissenen Publikum gab Häberli einige Fragen mit, über die nachzudenken es sich lohnt: Ist es Wahnsinn, einen Schüler durch ein Sieb zu drücken, um zu sehen, was hängen geblieben ist? Einer Frau Besteck auf den Bauch zu legen, um ihr mitzuteilen, dass man sie satt hat?

T.o.R. im November 2012

Fleischlich ging es weiter, Stefan Abermann zitierte frisch vom Metzgerbeil ein schönes Rezept zu einem hässlichen Gericht, nämlich zum Beuschl. Essen ist bekanntlich der Sex des Alters, die Zubereitung des Beuschls wurde daher zum Eintritt ins Serail, man wasche das Wurzelgemüse, schäle die Karotte, und während der Atem schon flach wird, pocht die Brust vor Lust, die Lunge liegt zerstückelt im kalten Wasser, das Herz bleibt im kochenden Topf. Abermann führte das Publikum weiters anhand eines Schärdinger Werbespots per Kamerafahrt zu einem Bauern, der sich die Finger wärmt, bevor er der Kuh an die Euter greift. Käseleiber werden eifrigst gestreichelt, denn dieser Werbespot ist nichts andres als unser Land. Unser Land. Dieser Werbespot erklärt Österreich: Im Herzen sind wir einfach Bauern.

T.o.R. im November 2012

Robert Prosser läutete eine Art Trendwende des Abends ein, weg vom Milieu der Beuschl und Essvorlieben, hin zu jener Zeit, in welcher alle Katzen gleich und sich die verschiedensten Dinge ausprobieren lassen. Er las einmal eine tragische Ehegeschichte aus dem armenischen Kaukasus, mehr oder minder sein derzeitiges Leibsthema, und führte in die nächtlichen, kriminellen Aspekte der Kunst. Prosser trug die rhythmisiertpoetischen Streifzüge eines Graffitisprayers vor, der UBahntunnel entert und auf Dächer kraxelt, um der Stadt, der kollektiven Chamäleonhaut, den Farbreflex zu verpassen.

T.o.R. im November 2012

Martin Fritz brachte ein Essay zum Themengebiet „Natur und Technik“, worin die Menschheit mit wissenschaftlichen Errungenschaften wie der Haustierschabe erfreut wird. Katzengroß und niemals wieder totzukriegen, transportiert diese Zierpflanzen durch die Wohnung, ähnlich sinnvoll wie die gleichsam zu Katzen angeschwollenen Bienen, die in ihren Mäulern exakt einen halben Liter Flüssigkeit behalten können und somit Biergläser aichen. In der zweiten Hälfte des Abends bat Fritz Hannes Blamayer auf die Bühne und präsentierte das Team Feuerspeiende Katze. Langsam entwickelt sich dank des traurigen Liebesgedichtes auf eine feuerspeiende Katze eine Performance fleuve in Martin Fritz‘ Bühnenschaffen, mit dem bereits einige Male genannten miauenden Mietzvieh als Inhalt. Aber Katzenaugen sind nicht nur Konfekt, T.F.S.K. lässt vielmehr auf kommende Shows hoffen, denn Zukunft ist die Freiheit der gegenwärtigen Vergangenheit.

Zwischendrin gab es sogar ein Open Mic, David trug seine Gedanken zu Schein und Sein vor, wenn Menschen sich Ideale schaffen, die vom Alltagsleben nicht geduldet werden. Das erste Mal auf der Bühne und sogleich souverän abgeliefert – Paolo Coelho zu lesen ist sicherlich schadhafter, als David zuzuhören.

Dieser kurze Nachbericht mag Zeugnis ablegen von den Bemühungen der Lesebühne, die Abwesenheit von Markus Koschuh, der in Rosenheim weilend unter den Fittichen von Karl Moik zum neuen Florian Silbereisen aufgebaut wurde, zu verkraften. Freuen wir uns also auf den 13. Dezember 2012, wenn die letzte Lesebühnenshow des Jahres 2012 das Moustache in den einzig wahren, den einzig echten Christkindlmarktes des Alpenraums zu verwandeln gedenkt, eine Mission, die besonders auf den aktuellen Bäckerei Poetry Slam-Champ Mario Tomic setzt.

Hard Facts:
Nächstes T.o.R.: 13. 12. 2012, 20 Uhr, Moustache, mit: Mario Tomic

T.o.R. im November 2012

Ninjas, Hogmoars und Shapes of Gay: Das war T.o.R im Oktober

Da ¾ der Lesebühnenstammbesetzung in Wien, respektive Graz weilt, um da wie dort die Vorrunden des gerade stattfindenden Ö-Slams zu durchbrettern, und bereits vom Wettkampfsfieber ergriffen ist, soll dieser Nachbericht noch schnell eingeschoben werden, bevor Punkt 20Uhr am Innsbrucker Marktplatz die Public-Viewing-Liveübertragung des Spektakels beginnt. Ganz Tirol eifert mit, bei der gestrigen feierlichen Verabschiedung drückte Kultur-Landesrätin Beate Palfrader den gen Osten ausrückenden Martin Fritz, Stefan Abermann und Markus Koschuh je einen Handl-Bauchspeck sowie eine Flasche Krautingerschnaps in die Hand, damit die heimatlichen Schönheiten in der Ferne nicht vergessen werden, und von den Bergen hallten die Ehrensalute der Schützenkompanien. Wer die schottischen Outdoor-Wettbewerbe mit Baumstammwerfen und viel Häggis mag, wird den Ö-Slam lieben, der morgen in Leoben mithilfe einer Finalrunde den Champion 2012 ermitteln wird. Der Nachberichterstatter vermutet stark, dass es einer der drei T.o.R.en sein wird, der den Titel des österreichweiten Poetry-Slam-Hogmoars an sich reißt. Drücken wir also die Daumen.

Barbi Markovic

Kommen wir nun zum Wesenskern dieser Reportage, nämlich die vergangene Lesebühnenshow. Zwar war die Stammbesetzung schmerzhaft dezimiert, wurde Markus Koschuh doch letzte Woche in Köln zum neuen ZDF-Superstar aufgebaut, um mit übernächster Folge Wetten-Dass vom desaströsen Markus Lanz zu übernehmen (Abwesenheitserklärung by M. Fritz). Nichtsdestotrotz, der Rest der Truppe versuchte performanzversiert den durch ZDF-Headhunter verursachten Verlust zu kompensieren. Das dies gelang, lag vor allem an unsrem Stargast: Barbi Markovic. Das talentierteste heiße Eisen im Suhrkamp-Rennstall, das zudem auch den schönsten Hut der Literaturwelt trug, las aus den Fragmenten, Fundstücken und Entdeckungen linguistischer Stadtwanderungen vor, die sie durch Graz, Wien und Berlin geführt haben. Im alltäglichen urbanen Sprachbild, aus Werbung, Tags und Weisheit bestehend, offenbarten sich interessante Unterschiede. Graz erscheint ziemlich optimistisch, fast drogeninduziert selig, dem Spürsinn Markovic‘ zufolge finden sich im öffentlichen Raum Schriften wie: „Das Glück ist, wo sie sind“, „Glückswunschkarten“, „liebe das Putzen, rufen sie mich an“, „kann heute leider nicht bei euch sein, bin voll im Stress, der Weihnachtsmann“. (Das erklärt vielleicht, warum Graz die drittfruchtbarste Stadt im deutschsprachigen Raum ist und in Bezug auf Geburten nur von München und Zürich übertroffen wird.) Berlin, das „große Innsbruck mit mehr Currywurst“, wie die Bobos aus dem Viertel Wilten gern sagen, zeigte sich schnoddrig selbstbewusst, immer mit Blick auf die 15 Minuten Ruhm, die uns allen zustehen: „Kiss me I am famous“, „Leben ist legal“, „Nachhilfe für die gute Unterhaltung for free“. Wien dagegen dürfte wohl das unsympathischste, wenn nicht gefährlichste Pflaster sein, den „Wien ist anders“, „Polizeigewalt überall, Gerechtigkeit nirgends“, „Ballspielen verboten“, und „Hast a Tschick“. Beruhigend zu wissen, dass Sprache auch durchs öffentliche Stadtbild realitätskonstituierend und stereotypbedingend funktioniert.

David

Nach langer Zeit gab’s auch wieder zwei Open Mics, in der ersten Hälfte überraschte David, der Barkeeper des Moustache, mit einem witzig-philosophischen Text über die andre Seite des Tresens, dort, wo die Quellen unsrer aller Freuden liegen. Es war ein Bericht aus dem Zentrum uns aller unbekannter Wildheit hervor, so, als wären Helene Cixous und General Kurtz in Gestalt des späten Marlon Brando eine unheilige Allianz eingegangen. In der zweiten Hälfte stürmte ein junge Frau die Bühne, die den schönen Namen Na trug. Die Vermutung lag nahe, dass sie aus dem asiatischen Kulturraum stammt, ein Gedanke, der durch ihren Textvortrag bestärkt wurde, las sie doch ein halbes Haiku und verschwand daraufhin sekundenschnell in Menge und Zigarettenrauch, wie ein Ninja im Bambuswald.

Stefan Abermann, im Zweitleben als Buchhändler leidgeprüft, weil alle lesewilligen Menschen nur noch Shapes of Gay kaufen, erzählte vom epiphanischen Moment, da ihm bewusst wurde, welches Ding noch zum vollständigen Glück fehlt: ein Webergrill, stählernes Gerät für stählerne Burger oder Pizzen. Der Urlaub wird in der Weber-Grill Academy absolviert, sponsored by Red Bull (übrigens, seid wann besitzt ein EergyDrink-Konzern ein besseres Spaceprogramm als die meisten Staaten dieser Welt?), für Leute mit karierten Hemden, die Bier aus kleinen Flaschen trinken. Es gibt keine einfachen Begierden oder niederen Gefühle wie Eifersucht mehr für den Webergriller, was zählt ist „die Lust am heißen Fleisch, anstelle heißer Fleischeslust“. In der zweiten Hälfte blieb Abermann den Anforderungen seines Drittlebens als Märchendichter und -erzähler treu, und brachte einen Grimm-Remix vor, in welchem zwei Brüder den dritten im Bunde verjagen, der sich aufgrund eines Teufelsdeals sieben Jahre lang nicht waschen darf. Dafür hat der dem Pizzamonster aus Spaceballs nicht unähnliche Mann vom Höllenfürsten einen grünen Rock bekommen, der Gold ausspuckt. Hinterlistig, wie es der Mehrzahl abermann’scher Märchen eigen ist, warten am Ende nicht nur Happy-End und große Liebe, sondern auch Tod und händereibender Teufel.

Robert Prosser

Robert Prosser las die Fortsetzungen seiner Septembertexte, erzählte einmal von russischen Gefängnistattoos und einmal von einer Hexenaustreibung im Osten Ghanas. Erster Text vermittelte die beklemmende, gewaltbeherrschte Atmosphäre eines Arbeitslagers, die auf dem Kartenspiel und einer perversen Bereitschaft zu Sieg oder Verlust fußt, Gesichtstätowierungen spielten darin ebenso eine Rolle wie Vergewaltigung und ziemlich wüste Operationen. Als Einstieg in die afrikanische Messe zeigte Prosser ein selbstgefilmtes Video der Zeremonie, deren Trommeln, Rasseln und Tänze ihren Nachhall im folgenden Vortrag fanden, so, als hätte er die ausgetriebene Hexe auf seiner Zunge als Souvenir mitgebracht.
Martin Fritz brachte endlich mal wieder ein Lyrikbingo, basierend auf dem Gedicht: „Wie es wirklich war am Beispiel Bochum“. Vertieft ins schöne Bilderrätsel kann sich der Nachberichtschreiben leider nur noch an die letzte Zeile des Textes erinnern: „Irgendwo heult ein Wolf, göttliche Trias.“ Das allerdings ist ein fein geschmiedeter Vers, ohne Zweifel. In der zweiten Hälfte brachte Fritz die brennenden Fragen unsrer Zeit und Generation vor, beispielsweise: „Sagt man Yeah, Yeah und nochmals Yeah? Hat’s Markus Lanz hingekriegt? Was steht auf dem Spiel? Halten sie sich für politisch oder sexuell andersdenkend?“ Darüber kann nun jeder selber grübeln.

Soviel also zum letztmaligen Feuerwerk gepflegter Performanz, die vor Ort waren, werden es noch ihren Urenkeln erzählen, jene, die es versäumten, sei mitleidig auf die Schulter geklopft und zugleich seien alle auf den nächsten Termin aufmerksam gemacht: 08. November 2012, 20 Uhr im Moustache, mit dem Schweizer Slamwizard Diego Häberli (und dem aktuellen Ö-Slam-Champ).

Fastfacts:
Next T.o.R: 08. November 2012, 20 Uhr, Moustache, mit Diego Häberli

Das Gesetz der Serie: Liebe, Schmerz und des Septembers Nachlese.

T.o.r. im September 2012

Österreichs längst gediente Lesebühne stürzte sich in die sechste Saison, um unterm Banner ekstatischer Performanz mit versierten Schachtelsätzen, kalauernden Sprechtechniken und überhaupt mit Texten, die von der Kraft einer unbestimmten Utopie durchzittert werden, selbst Chuck Norris in den Schatten zu stellen (und die Nordkette sowieso). Text ohne Reiter, dieses kleistogam gewachsene Bühnenungetüm, wäre in einer besseren Welt ein True Love getauftes Boot, unterwegs zur abartigen Version Arkadiens oder zumindest in ein Hafenstädtchen namens Capeside. Der Auftakt des sechsten Jahres hatte zwar darunter zu leiden, dass die Beammaschina kaputt war, doch ließ sich der Elan der Lesebühne von derartigen Schwierigkeiten ja noch nie beengen. Den Umständen entsprechend wurde eifrig improvisiert, um unsrem Stargast den metaphorisch überstrapazierten roten Teppich auszurollen.

Die Farbe Rot jedoch ist nicht unpassend, um sich Slam-Master, &radieschen-Literaturzeitschriftenfrontmann und Autor Andreas Plammer anzunähern, der, unsrer bescheidenen Meinung nach, einen ausgezeichneten Krimi im Gepäck hatte: Fauler Zauber, eine im Dunstkreis von Nachtclubs, leichtem Sex und Blutgerinnung angesiedelte Milieustudie, die mit überraschenden Lebensweisheiten aufwartet, etwa, dass suizidtechnisch Frauen immer in den Lichthof, Männer aber auf die Straße springen. Aufschlussreich, eigentlich. Plammer las von Harald, einem Helden vom Format des jüngeren Bukowski, und führte das staunende Publikum in jene Zonen der Wiener Gesellschaft, über die sich Kaisermühlen Blues nie drüber getraut hat, er erzählte von Reizen und Gelegenheiten (“when god closes a door, he opens a dress”, um eine andre Serie zu zitieren, die fast so gut wie Dawson Creek ist, nämlich Mad Men) und verzückte als Zugabe mit geslammten Witz, indem er als imaginärer Politiker seine Antrittsrede mit Englisch auffettete. Direkt den Pop-Charts entnommen, wurde unter anderem Sprachlosigkeit mit „Words don’t come easy“ und die Drohung, einen Kontrahenten zu steinigen, mit „we will rock you“ frei übersetzt.

Martin Fritz zelebrierte sein Lieblingssteckenpferd Systemtheorie, im Sumpf der Popkultur wildernd packte er Niklas Luhmann an den Eiern, sozusagen, und trug „Potter’sche Paradoxa“ vor. Der Text kreiste daher um Dawsons Creek und den per Video vorgeführten bekifften Diskussionen der Hauptcharaktere Dawson, Joey, Pacey, Chandler und wie sie alle heißen. Hinterm ganzen Geplauder lag selbstverständlich nichts als sexuelles Verlangen, es ist die lauernde, unerfüllte Obsession, die Dawsons Gang und Martin Fritz umtreiben, respektive –trieben, bzw. das Wissen, dass immer irgendwo eine Bessie lauert, die der kleinen Schwester den blonden Schönling ausspannen will. Dem folgten Fritz‘ Top Ten der Randnotizen bei fremden und eignen Texten, Bereich Non-Fiction, die einen sehr kritischen, wenngleich leicht Luhmann-fixierten Denkerdichter entlarvten, in dessen Traumwelten wiederum die gesamte Kaste der Samurai in den heroischen Untergang geschickt wird, man auf Google Maps Städte im SimCity-Modus nachbaut und Rap-Superstars gegen junge Mädchen fighten, die Faith heißen.

T.o.r. im September 2012

Stefan Abermann kürte die Ehe zur Formel 1 des Lebens, die die eignen Kinder als möglichst höchstgetunte Autos benützt. Zumindest der restlichen Lesebühne blieben ob der Abermann’schen Einblicke ins Gatten- und Vaterdasein die Münder offen stehen, sind ¾ von T.o.R doch trotz heiratsfähigem Alter von derartigen Erlebnissen ungefähr so weit entfernt, wie jeder Mensch auf Erden von einem Roundhousekick by Chuck Norris. Also auch nur zwei Sekunden, aber trotzdem verbleiben diese Bedrohungen im Bereich der Spekulation. Darauf folgte ein als „Bärli-Märli“ betiteltes Märchen, das grimm(ig)grausam von einer russischen Oligarchen-Hochzeit erzählte und einen Bären mit Holzbein zum Inhalt hatte, der mit einer Fidel die Vermählung enterte und fürs Musizieren 20 Kühe kassierte. Es wäre aber kein Oligarch, würde dieser nicht den Bären übern Tisch ziehen wollen, weshalb im derart furiosen Finale, dass sich selbst Jacob und Wilhelm die Fingernägel abkauen würden, der Oligarch von der Musik des Bären zerrissen wird. Damit nicht genug, schnappte sich der Paganini des Waldes die Braut und verschwand mit ihr in seiner Höhle. Als Moral blieb die Gewissheit, dass man nicht schlecht vom Bären denken darf und die Frage, ob man so ein Märchen wirklich dem eigenen Kind vorlesen soll. Besser den Gören der anderen Eltern.

T.o.r. im September 2012

Robert Prosser trug einmal einen Text zur erstaunlich ausgefeilten Tattoo-Kunst der sowjetischen, bzw. russischen Straflager vor, der um die darin versteckten Codes und Hierarchien kreiste. In der Zelle kochte unter anderem ein Mann mit tätowiertem Messer auf der Schulter Schwarztee und wirkte zugleich als Henker, während Karten gespielt und die Haut gestochen wurde, was das Zeug hielt. Tatsächlich alles wahr und bezeugt, man konnte sich also ausmalen, was auf die Mädels von Pussy Riot im schlimmsten Fall zukommen wird. In der zweiten Hälfte stellte Prosser seine Sommeraktivitäten und dementsprechende Reisen vor, es folgte nämlich ein Text zur Hexenaustreibung in Ghana. Prosser wird wohl nie ein Tiroler Heimatschriftsteller werden, sondern testet lieber westafrikanische Trommelrhythmen auf ihr Trancepotential aus. Als Intro führte er sogar ein selbstgefilmtes Video der Dämonenjagd vor, das nie abgeschlossene Studium der Kultur- und Sozialanthropologie ging da mit ihm durch, aber irgendwie muss man dem ganzen Ekstasenwahnsinn auch beikommen.

Markus Koschuh wird die TirolerInnen nun sogar in ihren Fernsehgeräten beglücken, um der Tirol-Heute Moderatorin ein ähnliches Trauma zu verpassen, wie es Otto einst Ingrid Thurnher unter den Rock kitzelte. In seinem Text wurde Koschuh Zeuge, wie eine ältere Frau Tennisschuhe kaufen möchte, ausgehend von ihrer Frage, ob man mit diesen auch normal gehen könne, dachte er sich in die Rolle des Verkäufers und lieferte einen saukomischen, schweinischsadistischen Gedankenlauf, an dessen Ende die Alte gequält und in Tränen aufgelöst am Boden lag. Im zweiten Text blieb Koschuh der Thematik im weitesten Sinne treu und erzählte von der Dramatik eines Tennisspieles. Erneut enthüllten die Innenansichten, welche komplexen Gedanken im Kopf Koschuhs eigentlich während jener spannenden Sekunden gesponnen werden, in welchen ein Netzroller den Sieg zugunsten des vormaligen Pensionistinnen-Quälers bringt.

T.o.r. im September 2012

Soweit also der Nachbericht zur ersten Show der 6. Saison, der wiedermal bestätigt, dass sich der ganze Performanz-Wahnsinn, der monatlich im Moustache abgefeuert wird, sowieso nicht ausdrücken, geschweige denn nacherzählen (aber immerhin fotographieren) lässt.
Es bleibt die Gewissheit, dass es großartig war und die nächste Live-Action noch besser werden wird, auch wenn dies fast unmöglich erscheinen mag.

Fakten für Zapper mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne: Nächstes T.o.R. Serienfest am 11. Oktober 2012, 20 Uhr im Moustache, mit Barbi Markovic.

Der Showrandale 50. Jubliäum: Das war das T.o.R Best-Of mit Volker Strübing

Markus Koschuh und Stefan Abermann

Im schnelllebig dahinfetzenden Zirkus der Popkultur, deren Teil Text ohne Reiter selbstverständlich ist, um die Fahne avancierter Sprachkunst hochzuhalten und dabei dennoch hip und jung zu wirken, trotz aller durchgezechter Nächte, die auf der dunklen Seite der Unterhaltungskultur mit versifften Bars und zerstörten Hotelzimmer harren, den in Cäsarenmanier damoklesschneidig über den Häuptern schwebenden Meinungen a la Dieter Bohlen ausgeliefert, in diesem Casting-Irrsinn, die unsre Gegenwart geworden ist, gibt es Westösterreichs erfolgreichste, da einzige, Lesebühne nun tatsächlich bereits seit 5 Saisonen. Mitte Juni wurde das Jubiläum der 50. Show mit einem Special-Bestof begangen, seit sage und schreibe 50 Shows stehen die vier Stammleser also gemeinsam auf der Bühne, eine Zeit, die in den Memoiren der vier Jubilaren noch in all ihrer seifenoperettenartiger Tragik entlarvt werden wird. Ähnlich Raymond Roussel, dem Dichter des Abends, gondeln wir bis dahin im imaginären Gefährt der Bühnenperformanz weiter durch die Lande, nach der Saison ist vor der Saison, wie wir beim spätnächtlichem Zuprosten gerne abgeklärt zu sagen pflegen, wir blicken erfreut nach vorn, auf mindestens weitere 5 Saisonen, voller Exzess, Erfolg und den Schattenseiten des Ruhmes.

Wahrer Star des Abends war sowieso Susanne, schenkte sie doch in der Nacht zuvor Stefan Abermann einen Sohn und gewährte unsrer Lesebühne dadurch ihren biologischen Fortbestand. Auch an dieser Stelle seien dem nunmehrigen Elternpaar die herzlichsten Glückwünsche übermittelt! (Über andere Geschehnisse, die das weite Spektrum des Kreislaufs von Leben und Tod anhand der vier Stammautoren verdeutlichten und von neuen Liebschaften bis hin zu per Spinnenbiß induzierten Schwellungen an delikaten Stellen reichten, soll der dezente Mantel des Schweigens gebreitet werden). Es war auf jeden Fall einiges geboten, auch abseits der Bühne lag ein geschichtsträchtiger Tag, zum 50. Mal glommen die Scheinwerfer auf, füllte das Publikum gleichsam in Jubiläumslaune und massenhaft das Moustache, niemanden interessierte die EM, was zählte war einzig der dargebotene Cocktail aus Best-Of und neuen Texten, ein Feuerwerk an Tragödie, Witz, Lüge, Märchen, Weisheit, Antike, Gesang, Oden und einer alkoholischen Mischung aus Bier, Haxenspreizern, Champagner und saurem Radler.

Volker Strübing

Zum Jubiläum ließen wir uns selbstverständlich nicht lumpen, und weil wir selbst mit 50 noch vom Besten lernen können, kam eben dieser aus Berlin gerauscht, ein Lehrmeister der Slam-Performanz, dessen Legendenstatus nicht näher erwähnt werden braucht, dank des schnittig-enganliegenden Beinkleides jedoch sicherlich noch ein paar Schippchen zugelegt haben wird: Volker Strübing. Unser Ehrengast bereicherte den bereits mit Höhepunkten gesegneten Abend mit den Träumereien eines Mannes, der in einer A-388 Boing inklusive Bordbistro kurz vorm Absturz eine Cafe Latte bezahlen will, um, nach der Rettung ins Morgenerwachen, mit partnerschaftlichen Verfehlungen konfrontiert zu werden, die er im Traum seiner neben ihm schlafenden Freundin beging. Diese lynchesk verflochtenen Schlaflabyrinthe führten zu einer ausverkauften Tiefkühlpizza Vegetaria, deren Konsumverweigerung samt Kassaschlange und SUVs fahrenden Bioladenliebhaber, die auch Kinder äßen, wären die Kleinen denn bio und aus Bodenhaltung, den Wandel zum Massenmörder auslöste. Strübings Textvorträge gruben tief in den Abgründen unsrer Welt, entlarvten ein „Ich liebe dich“ als hohlen Pathos, “manche Menschen sind häßlicher als du“ wurde auch nicht durch den Liebesvergleich mit einer Stinkmorchel wettgemacht, selbst „Der einzige Grund dich zu lieben ist Mitleid“ riss den Erzähler nicht aus dem Streitgespräch, welches dieser im Badezimmer mit einer besonderen, ihm sehr nahe stehenden Person führte. Tiepräparatorin Kathi kämpfte mit Kadavern, Autos und einer verrücktgewordenen, äußerst aggressiven Katze und als Zugabe bot Strübing einen mitreißenden Anti-Sommer-Protestsong, in Punkrockmanier und zornig aufgestampft wurde gegen die Sonne skandiert und die scheißgrünen Blätter von den Bäumen gerissen. Eigentlich hätten wir ja ein noch besseres, triumphaleres Jubliäum bieten müssen, um Strübings Können gerecht zu werden, das Publikum jedenfalls war hingerissen und füllte den Raum mit Vivat-Schreien und hochgeworfenen Hüten, deren Schmuckbänder und Auhahnfedern lustig flatterten.

Stefan Abermann, müde und glücklich ob der vergangenen Nacht, gab einen Klassiker charmanter Bühnenliteratur zum Besten, mit welchen wir noch unser Altenteil verschönern werden, nämlich den Nachbericht einer Schulklasse, die per Lehrerbefehl unsrer illustren Runde beiwohnen musste (true story), aufgrund pubertärer Hormonverschiebungen und deshalb andersweitig gelagerter Konzentration im Cafe “Text ohne Reiter” die Gruppe “Moustache” sah, drei gutaussehende junge Männer, und ein vierter, der auch nett war. Als Draufgabe zeichnete Abermann abgeklärt und doch romantisch den Verlauf von Beziehungen nach, die nach Sexrausch und Alltagsstumpfsinn textlich im – die Inspirationsquelle liegt nahe – Kind münden, eine Ausgeburt an Zweifel und natürlichem Misstrauen, die dem Vater nicht einmal glauben will, dass ein Regenbogen erscheine, wenn ein Einhorn in hohem Bogen auf einen Baum pisse.

Robert Prosser mischte Hip Hop und Hermaphrodismus zum Zwittertext, aus Ovids Fabelgrotte schwappte ein Mann Ende Dreißig, der als vom Deutschrap a la Mongo Clikke übriggebliebenes Strandgut damit hadert, dass die einstmals straßentaugliche Rap-Credibility zunehmend weichgespülter Popfirlefanz wird, während also die Nymphe Salmakis dem badenden Jüngling nachstellte und die von den Göttern des Olymp erflehte ewigwährende Verschmelzung wortwörtlich zweigeschlechtlich serviert bekam, wird in der Gegenwart Gras verkauft und Sudoku gerätselt, von Fragen der Realness und Antike über Methadon und Vergewaltung gings simsalabling zum Best of Prosser, nämlich einer mithilfe des Skeleton Dance Disney-Videos vorgetragenen, gesungenen Totenrede. Das Glas erhoben und ohne Mikro, dafür lauthals und schwankend gebärdete sich Prosser, als wäre er auf einer der irischen Totenfeiern aus The Wire zu Gast.

Markus Koschuh, weiterhin kabarettistische Erfolgswirbel durchs Tiroler Land drehend, Schreckgespenst der Agrarier, verlegte sich gänzlich aufs Best-of, brachte eine Ode an Prosser vor und erzählte, wie er, also Koschuh, sich beim Schwarzfahren als dieser ausgibt, um mit der Kraft des Wortes den Alltag zu verwirren, die Neigung zum Sprachrausch wurde im schweren Leben des Prossers in Alpbach verortet, aus Koschuhs, bzw. Prossers Mund florierten Stilblüten wie „abgetriebener Almabtrieb, live gerappt“, die später, als Ode an Martin Fritz, einen Gang runter in den Thomas-Mann- oder Günter-Grass-Modus schaltete, Fritz als Geistesgröße porträtierte, dessen Gedanken gen Galaxien galoppieren, schwernachdenklich im Bildungsbürgertum verankert und doch in lichten Höhen wandelnd, zu denen ihm schwerlich jemand folgen wird können.

Eben dieser Martin Fritz holte sich Franz-Xaver Schumacher auf die Bühne, um eine Nahwelt zu errichten, aus mir und dir und Mats Hummels gebastelt, per Zitatsystem vermessen wurde zu Fußball und Liebe gesprochen, ein leicht homoerotischer Touch war natürlich nicht zu leugnen, der trotz allen systemtheoretischen Querpässen auf gedankenschwere Luhmann-Häupter die unterschätzten, todgeschwiegenen Aspekte dieser dem HipHop nicht unähnlich marktwirtschaftlich monströs expandierenden Sportart mitschwingen ließ, etwa, wenn bei der Trainer einem gerade ausgewechselten Fußballer einen Arschklaps in die Garderobe mitgibt, aber alle Fußballer sind geile Schweine (geil und mit 27 Jahren bereits vergreist wie Arjen Robben), sind Schweine und unsympathisch, bis auf Mats Hummels (und David Alaba). Erfreut erwähnenswert ist auch, das Schuhmacher im Anblick der Publikumsmasse eine gekonnt elegante Darbietung bot. Als Best-of folgte ein Klassiker literarischer Tierzucht: Der Text von Eichhörnchen, die im Hobbyzimmer gehalten im Geheimen die Geschichte der Welt leben und deren Besitzer, bzw. Mitbewohner laufend die Wikipedia-Einträge über den “Zirbenschänder” aktualisiert und am wöchentlichen Stammtisch das gebratene Fleisch alter Nager serviert.

Die übliche Verbeugung

Es bleibt an dieser Stelle nun nichts andres zu tun, als unsrem treuen Publikum zu danken: Ihr ward und seid großartig, ihr werdet unsre Motivation bleiben, ohne euch wären wir ganz verkommen. Vielen Dank für die vergangenen 50 Shows, sie seien euch gewidmet, wir nützen, Strübing zum Trotz, den Sommer, um an Texten und Stimmen zu feilen, schöne Zeit euch allen, wo auch immer ihr seid, am 13. September 2012 um 20 Uhr beginnt im Cafe Moustache der Ausritt in die 6. Saison, alles bleibt beim alten und alles wird neu sein.