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Vorgezogene Weihnacht: Das war T.o.R im Dezember mit Barbara Hundegger

Barbara Hundegger, Stefan Abermann, Martin Fritz

Während sich halb Italien auf Innsbrucks Christkindlmärkten Glögg, Glühwein oder Conditum Paradoxum hinter den Schal goss und in engen Altstadtgassen fröhlich feiernd das Post-Berlusconi-Zeitalters zelebrierte, versuchten wir dem ganzen Einkaufsirrsinn zum Trotz, unsren Lesebühnenfuror selbst im Advent beizubehalten (aber wie man in sämtlichen Baum- und Neuen Mittelschulen Tirols seit ehedem zu lernen pflegt: geht’s dem Tourismus gut, geht’s uns allen gut), wir ließen uns also von den in dieser Woche vollzogenen Brauchtumsauswüchsen a la Perchtenumzug und Hexentanz inspirieren und legten ähnlich höllisch-infernal, das geheime Feuer von Wort und Stimme umtänzelnd, los:

Martin Fritz begann mit einem kryptischen, ähnlich einer Nelkenzwiebel mit Songtiteln gespickten Text, der eine besonders von Schlagertiteln strotzende Plattensammlung offenbarte, letztlich aber Ananasscheiben und Toast Haiti zum Inhalt hatte und von den kleinen Dingen handelte, die viel bewirken: große Biere zum Beispiel – bereits ein versteckter Hinweis darauf, was neben den Top Ten der Gottschalk-Ersatzkandidaten noch kommen würde: Eine Bierkolumne von Tonio Krügerl über die falschen Freunde der Trinker, die mit in Thermoskannen abgefüllten Tee zum Schlittenfahren animieren, dadurch aber auch Einsichten provozieren (wie: Es gibt kein wahres Leben in Flaschen) und den Erfindergeist kitzeln (a la: Konzentration des Hopfengetränkes aufs Wesentliche in Form von löslichen Bierwürfeln).

Stefan Abermann fand auf der Suche nach absoluter Einheit den Heiligen Gral eines jeden feinfühlig zur Feder greifenden, der Poesie zugeneigten Menschen, er entdeckte das Wort, sie alle zu knechten: Sex. Diese drei Buchstaben, vom umtriebigen Sexerich etwa auf Fahrstuhlwände gekritzelt, lösen epochale Nachwehen aus, die per Phantasie wälzend durchs Hirn donnern, und Abermann stöberte dem Wirken des Erich Sex nach, erforschte die Beweggründe dieses dichtenden Lüstlings. Später verpasste er Handkes Publikumsbeschimpfung zeitgenössische Wirksamkeit, in dem er, krampushaft böse, aus der Menge eine arme Seele pickte und diese fest im Auge behaltend klein wie ein Vanillekipferl machte.

Robert Prosser erzählte erst von den Charakterähnlichkeiten zwischen Troubadour und Trickster, was naturgemäß in einem Absatz münden musste, der von Sex im Wald handelte, und las zum Abschluss dieses wilden Abends eine armenische Trinkrede, auf die Toten eigensprachlich eingedeutscht, zu einem Disney-Video (nämlich “Skeleton Dance” aus dem Jahre 1929), und das Ganze, weil‘ s Mischpult ob der Doppelbelastung versagte, ohne Mic. Echte Bühnenprofis haben aber weniger ein Sixpack am Bauch, als ein solches vielmehr in der Lunge, es war daher kein sonderliches Problem, das Publikum ins Totenreich auszuführen.

Markus Koschuh mutierte zum Killer, der Einblick ins alltägliche Handwerk des Tötens gab und seinen Opfern im Traum wiederbegegnete, kaltblütig intonierte er ein dreistrophiges Lied, welches den Himmel als Prachtpalast im weißen Sonnenschein schaute (alles in allem ist Koschuh ja sowieso eine brandgefährliche Mischung aus Ludwig Hirsch und diesem von Josh Hartnett gespielten Sin-City-Charakter, der, um den eignen mordenden Lusttrieb zu befriedigen, ständig Mädels abschleppt und sich dabei nicht einmal von der extra mitgekommenen besten Freundin des Opfers aufhalten lässt) und beschwor im zweiten Teil dementsprechend auch das Triple G: Gesang, Gegröle und Gegrinde, indem er die Leiden eines jungen Liebhabers in der Kassaschlange beschrieb und Tipps parat hatte, wie sich per epileptischer Anfallssimulation möglicherweise ein Zugticket ergaunern lässt.

Barbara Hundegger

Es gab also wieder das übliche von unsrer Seite: viel Booze, Crime, Sex und tote Menschen, dass die Dezemberausgabe unsrer Bühne aber unvergesslich wurde, wie mit Lametta behängt schillernd glitzerte und manche bereits das Christkind hinter der Theke flatternd zu sehen glaubten, lag einzig und allein an unsrem Gast, der Grand-Dame österreichischer Dichtkunst: Barbara Hundegger. Ihre Gedichte zu Quasi Amore, die Felder der Liebe, zum Wir-Begriff, um die Konstruktion von Gemeinschaft und die darin enthaltene Feindlichkeit bloßzulegen, oder Verse zu stillen Kollisionen (der Leichtsinn eines Schwergewichtsboxers, die Brutalität des Behagens, das Tagwerk eines Nachtportiers, die Orgasmusstarre eines Tantrafreaks…) verliehen, charmant konzentriert vorgetragen, dem Abend höhere Weihen.

Wir bedanken uns noch bei den beiden Open Mics: Phil Marie und Agi Steixner (unsrer Gewinnerin des hauseignen Jugendliteraturwettbewerbes 2010 – es funktioniert also doch), man möge die nahenden Feiertage per Laudanum gut überstehen, Geschenke- wie Raketenregen überdauernd den 12. Januar heißherbeiersehnen, denn dann kommt im Sinne Wilhelm Tells (um nach dem eingangs angeführten Klischee des Christkindlmärkte erobernden Italieners auch in Bezug auf die Schweiz ein Stereotyp anzuführen, vor lauter punschträchtiger Adventzeiten gehen die wahrhaft treffenden, pfeilgenauen Metaphern dem Nachberichterstatter nämlich allzu gerne flöten) jener Helvetier ins Moustache geflogen, der in seiner jugendlich saftig-spritzigen Art einem rotschimmernden Apfel gleicht: Christoph Simon.

Die übliche Verbeugung

Hardfacts:
Nächstes T.o.R: 12. Januar 2012, 20Uhr im Moustache, mit Christoph Simon

Die kommenden Aufstände des Frühjahrs

Das Frühjahr freut nicht nur unsere FreundInnen von der gefiederten Zunft, sondern auch sonst alle, die trotz der schlechten Jahreszeit noch halbwegs bei Sinnen sind, deshalb feiern wir von Text ohne Reiter, der frühlingsbegeistertsten Lesebühne, den Beginn der guten Jahreszeit mit ganz besonders guten und schönen Gästen und einem ganz besonders schönen und guten Flyer. Aber seht und lest doch selbst:

t.o.r. flyer fruehjahr 2012, T.o.R.-Logo (c) Pascal-Anne Lavallée Layout (c) Carmen Sulzenbacher

* DO 12.01.12 mit Christoph Simon (Bern)
* DO 09.02.12 mit Max Höfler (Graz)
* DO 08.03.12 mit Marc Carnal (Wien)

Unser Dank gilt wieder einmal Carmen Sulzenbacher fürs Layout des Flyers trotz engster Zeitfenster und das T.o.R.-Logo hat noch immer Pascal-Anne Lavallée entworfen.

Die ganzen Details kommen dann noch zeitnah auf allen magischen Kanälen auf euch zu und ihr hoffentlich zu diesen schönen, guten und wahren Anlässen alle ins Moustache.

T.o.R. am DO 8.12. mit Barbara Hundegger

Barbara Hundegger, Foto (c) Thomas Murauer

Text ohne Reiter, eure liebste kleine Rasselbande der gehobenen Unterhaltung durch hectomatische Texte, ruht auch in der stillsten Zeit im Jahr nicht. Während alle über Glühkindlmarktkaufräusche schimpfen, konzentrieren wir uns auf Wesentliche, nämlich unsere nächste Auflage, die punktgenau und ebenfalls rauschend zum nächsten Hochfest zur Feier einer Glaubensaussage stattfinden wird. Der selbe Sachverhalt etwas anders ausgedrückt: Kommt doch alle am Donnersduck, den 8. Dezember 2011 um Klock 20:00 Uhr ins Moustache und freut euch wie wir auf unsere Gastautorin Barbara Hundegger. Wer auch immer die nicht kennen sollte, geht zuerst mal zur Strafe in die Ecke und findet Informationen, Tatsachen und Lichtbilder zu ihrem Werk und Leben nicht dort, sondern auf ihrer oben verlinkten Website.

Die übrigen üblichen Ingredienzien sind weniger geheim als Vanillekipferlrezeptmetaphern albern sind für alle übrigen Sachverhaltsdarstellungen: Das Stammteam, bestehend aus Abermann, Fritz, Koschuh und Prosser wird sich wieder aus allen Teilen Europas und auch Britanniens kommend versammeln, das Open Mic steht ohne Zweifel wieder einmal für 2×5 Minuten allen Textvortragswilligen aus dem Publikum offen, und gewürzt wird der Abend mit etwas Hirschhornsalz, einer Brise Salz und eurem zahlreichen Erscheinen.

Zusammenfassung des bewährten Erfolgsrezepts gegen Stress, Allergien und Apathie:
DO 8.12.2011 20:00 Uhr im Moustache: T.o.R. mit Barbara Hundegger

Das war T.o.R. im November mit Franziska Holzheimer

Das just einen Tag vorm Karnevalsbeginn endende Bildungsvolksbegehren hatte eine ähnlich hohe Beteiligungsrate wie die Novemberausgabe der alpfidel aufbrausenden Lesebühne „Text ohne Reiter“, was für die politische Agenda desaströs sein mag, für uns aber bedeutete, dass das Moustache erneut aus sämtlichen Ecken und Enden auf die Bühne glotzte; da wurde gedrängelt, geschoben und geflucht, um nur ja ein wenig vom Spektakel mitzubekommen. Wir rückten lustig gleich der Landjugend aus, um einerseits der Volkskultur zu huldigen, andrerseits unser Scherflein zum Bildungsauftrag zu leisten, und vielleicht, wer weiß, gewährt man uns ob des gemsigen Unternehmersinns eines Tages Eingang in die hochgeistigen Gefilde Tirols, und sei’s, dass der Turmbund endlich unsren Mitgliedsantrag annimmt.

franziska holzheimer und martin fritz

Bevor nun also der Fasching seine Schnapszahl würfelte, veranstalteten wir einen der breiten Öffentlichkeit auch in zukünftiger Form aufs bacchanalischste zu empfehlenden Schellensprechlauf, angeführt von der bayrischen Urgewalt Holzheimer Franziska, die wie eine der Fasnacht entschlüpfte Hexe über die Bretter wirbelte, sodass uns allen ob der zur Präsenz destillierten Performance der Obstler im Glas schal wurde. In ihrer elaborierten Art, die das Herz eines jeden Connaisseurs der gepflegten Bühnenpoesie zum Jubilieren brachte, holte sie wahre literarische Glanzlichter hervor, gegen die sogar die Scheinwerfer des Moustache’ wie Katzenaugen an Kinderfahrrädern wirkten: „Erklär mir die Welt, weil Liebe in jedem Falle eine selbstgewählte Falle ist… Liebe gibt es nur, weil es Angst gibt, wer Freiheit will, darf die Einsamkeit nicht fürchten.“ Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, aber damit nicht genug, es folgten dialektal gegen die Saupreißn vorgebrachte Litaneien, Texte, in denen gekotzt und zugleich geliebt wurde, woraufhin der Lesebühne harter Kern versuchte, selber ein paar Höhepunkte und Schlagzeilen aufzufahren, es gab:

Von Stefan Abermann Empfehlungen für den Ernstfall, wenn die beinstarke Freundin (um Hubert von Goiserns These vom Unterschied zwischen Stadt- und Landmädel und deren ungleich starken Wadeln zu widersprechen) den Seelenpartner auf ihren Schultern aus der belagerten Stadt zu tragen hat, sowie eine Enzyklopädie des sanftmütigen, lyrisch veranlagten Lerchendorns (der somit als idealer Gast der Lesebühne identifiziert wurde und vielleicht schon bald die hiesigen Bühnen neobiotätisch entern wird), von Robert Prosser, dem aus Madchester angereisten United-Hooligan, Einblicke in anthropologische Studien zur globalen Kultur der Trinksprüche, deren in Feldforschung gesammelte Beispiele zwar nicht aus englischen Pubs, aber dafür aus Ladakh und dem Brixlegger Montanwerk stammten, und der im weiteren Verlauf des Abends die Tätowierungskünste Armeniens präsentierte, von Martin Fritz folgende Erkenntnis: „Wer nichts ist, ist Essayist“, eine Einsicht, die in Marketingstrategien für Meisenknödel und der Rotphase des Ampelverkehrs mündete, um „Leute ohne Geschmack mit Geschmack zu versorgen“, aber damit nicht genug, Fritz konnte beweisen, dass auch Suppe Storytelling ist, wobei besonders die Rindsknödelsuppeneinlage in literarischer Sicht Aufmerksamkeit verdient, und von Markus Koschuh Beatboxing und Freestyle in Alliterationen, er bot ein Anti Ego Update von Kapierski zum freien Download an, entertainte und zog eine stimmlich ausufernde Show ab, die sich in der zweiten Hälfte tagesaktuell mit den 10 Gründen fortsetzte, warum man das Bildungsvolksbegehren nicht unterschrieben hat, wodurch er die vielschichtige Tragik, die hinter politischem Desinteresse stecken kann, entlarvte (Mehr Fotos von alledem nach dem Klick).

Gedankt sei auch Anita fürs Open Mic, die die Schmerzzustände des Liebeskummers, dieses leidigen Gefühls, das einer Fahrt ins finstere Zentrum eines wimmelnden Ameisenhaufens gleicht, poetisch feinsinnig erfasste; jodelnd und Trachtenhirtenhüte in die Lüfte schleudernd verabschieden wir uns und schielen bereits freudselig auf unsren Dezembertermin.

die übliche verbeugung

HARDFACTS:
nächstes T.o.R.: 08. Dezember 2011, 20Uhr im Moustache, mit: Barbara Hundegger

T.o.R. am 10.11. mit Franziska Holzheimer

Franziska Holzheimer

Auch wenn zu dieser Jahreszeit die meisten eher am Laternenbasteln sind, ist Text ohne Reiter, das Textperfomanzkompetenzzentrum mit Herz und Verstand, doch multitaskingfähig und flexibel teilt nicht nur sein Mäntelchen, sondern auch den nächsten anstehenden Termin mit. Der wird mal wieder im Moustache über die Bühne gehen und zwar am Donnerstag den 10. November 2011 pünktlich ab 20:00 Uhr.

Da wäre aber alles noch nichts, hätten wir nicht wieder eine hochkarätige Lesegästin zu präsentieren und diese heißt diesmal Franziska Holzheimer und hat neben guten Texten auch eine schöne Website, der Informationen zu Werk und Leben zu entnehmen sind.

Das Stammteam wird sich auch mal wieder vollzählig versammeln, das Open Mic steht naturgemäß wieder einmal für 2×5 Minuten allen Textvortragswilligen aus dem Publikum offen, Fotographieren und Füttern wird erlaubt sein und somit steht einem schönen Abend doch nichts mehr im Wege.

Kurzfassung unter dem zu kurzen strichlierten Strich:
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DO 10.11.2011 20:00 Uhr im Moustache: T.o.R. mit Franziska Holzheimer

Das war T.o.R. im Oktober mit den PreisträgerInnen des 4. T.o.R.-Jugend-Literaturpreises

Die übliche Verbeugung
Es ist bekanntermaßen einmal im Jahr sozusagen Ostern, Weihnachten und ein kleines bisschen Nikolo zusammen bei Text ohne Reiter, der westlichsten Lesebühne des Landes, und zwar stets, wenn es darum geht, die PreisträgerInnen des T.o.R.-Jugend-Literaturpreises zu prämieren. Und so war es auch diesmal ein mehr als festliches Zusammentreffen in den Räumlichkeiten des Moustache:

Thomas Schutte
Thomas Schutte eröffnete mit seinem Requiem für einen Post-It-Block.

Franziska Pfister und Carl Pierer
Franziska Pfister und Carl Pierer begeisterten mit einem sinnvollen oder sinnlosen Gespräch zwischen einem Akademiker und einer Otaku.

Linda Achberger
Linda Achberger las ihren Siegertext Blaue Lippen.

Davon abgesehen waren die Stamm-T.o.R.en auch nicht faul und thematisierten neben ihren Laudationes auf die PreisträgerInnen unter anderem auch Vogelaktivitäten und das Dilemma, wenn es einmal schmeckt.

Wie immer gibt es noch mehr Fotos und wie immer ist nach der Lesebühne vor der Lesebühne, seid also wieder mit uns am Donnerstag, den 10.11.2011 um 20:00 Uhr im Moustache und begrüßt mit uns Franziska Holzheimer.

Das war T.o.R. im September mit Patrick Salmen

Patrick Salmen, Koschuh, Stefan Abermann und crazy Kunstfilter

Text ohne Reiter wäre nicht Text ohne Reiter würde nicht sein am ungefähr rechten Fleck angebrachtes Herz für die Kunst schlagen, deswegen dachten wir uns: Legen wir doch im Gimp so einen irren Kunstfilter über das Nachberichteröffnungs-Foto oben, das freut unseren Gast Patrick Salmen sicher ganz besonders, da sieht er dann bei was für einer ziemlich voll crazyen und recht urviel kreativen Lesebühne er da mal wieder war.

Aber funky Metareflexion beiseite, sagen wir es einmal so: Relativ vollkommen abgefahren waren die Texte des Abends, die sich ums Grundthema “Naive und Spontane Lebensfreude” rankten wie Dekoelemente in einem Designergarten: Stefan Abermann eröffnete mit einer Soap Opera im Architekturmillieu und beschloß den Abend mit einer Hochzeitsrede des Grauens, Martin Fritz spielte inzwischen mal wieder mit seinen schönsten Urlaubserlebnissen Lyrikbingo und berichtete von den Freuden des Alters und Dandytums, während Koschuh Touristen verhonepipelte und den Abermann hommagierte und Robert Prosser weilte während all dieser Zwischenzeiten im mondänen Berg Karabach. Irgendwo heult ein Wolf. Am Open Mic entlarvte Phil Marie den Rausch und die Zivilisation als Opium fürs Volk, das uns vom Durchblick auf die Realität ablenkt und Josef Benender brachte dem Publikum im Café Moustache Gebirgslyrik näher.

Patrick Salmen ohne Kunstfilter, also alle Ironie härterer Gangart beiseite: Was ist besser?

Stargast Patrick Salmen erzählte von seiner ungefähr ehrlich und tief empfundenen Freude über einen Diavortrag vom Eifelturm und überhaupt seiner Vorliebe für alles Menschliche und Verkünstelte und fand damit ebenso Gleichgesinnte wie mit seinem ziemlich unglamourösen Berufwunsch Schornsteinfeger, dem Aufstoßen des kleinen Mannes. Es menschelte also wie im Frühstücksfernsehen, der Hugo floß in Strömen, kesse Sprüche alles dabei, ein Idyll wie in Coby County alles in allem. Und denen, die behaupten, es sei anders gewesen, sei gesagt: Wir haben eine Axt.

Noch mehr kesse Fotos gibt es hier, eine zweite Meinung zum Geschehenen hier und das nächste Mal gibt es das ganze Rambazamba am Donnerstag, den 13.10.2011 mit den PreisträgerInnen des 4. T.o.R.-Jugend-Literaturpreises.

T.o.R. am 8.9. mit Patrick Salmen

Patrick Salmen, Foto (c) Dennis Scharlau

Jedes Jahr das Selbe: Kaum dass wir einmal nüchtern waren, sticht der alte Kutter Text ohne Reiter nach erfolgreicher Sommerpause natürlich schon wieder in See. Denn die Stamm-T.o.R.en und Kybernetiker Abermann, Fritz, Koschuh und Prosser brennen ja schon darauf, ihre in Texte gefassten schönsten Urlaubserlebnisse von allen sieben Weltmeeren dem geneigten Performanzpoesie-Publikum zu Gehör zu bringen. Aber damit nicht genug, zum Auftakt der unglaublicherweise schon 5. Saison unseres Dampfers der guten Laune haben wir uns das Traumschiff unter den Bühnenpoeten auf die Deckplanken geholt, die die Welt bedeuten:

Patrick Salmen, ein junger Mann, der an der Stelle von z.B. Katzenbildern oder dem internationalen Flaggenalphabet alles Wesentliche zu seinem Werk und Leben inklusive Textproben in Videoform auf seiner oben bereits verlinkten Website bereits selbst weitaus besser zusammengestellt hat als wir das je könnten (und irgendetwas wird er sich dabei auch gedacht haben, das tun die doch alle), darum sei an dieser Stelle nur so viel gesagt: Patrick Salmen ist amtierender deutschsprachiger Meister im Poetry Slam und wann habt ihr einen solchen schon mal live gesehen? Na eben, mal was anderes als immer nur einen europäischen Vizemeister. Davon abgesehen hat Patrick Salmen einen sehr schönen Text über Bärte im Seesack, was hervorragend in unsere Stamm-Kaschemme, nämlich das Moustache, passt, wo die nautischste Lesebühne aller Binnenländer weltweit am Donnerstag den 8. September 2011 pünktlich ab 20:00 Uhr die Anker lichten wird. Das Open Mic steht für 2×5 Minuten allen Textvortragswilligen aus dem Publikum offen und wir freuen uns schon auf euch und darauf, den Nachen T.o.R. über alle Stromschnellen gleiten zu lassen wie eine Forelle auf den Grill.

Schnellzusammenfassung für schwere See:
DO 8.9 20:00 @Moustache T.o.R. mit Patrick Salmen (Wuppertal)

Die kommenden Aufstände

Mit einer Mischung aus Hahnentritt und Space Invaders (aber das kennt ihr ja beides alle nicht mehr…) kündigt die Abteilung für Aufklärung, Tarnen und Täuschen der Textperformanzgruppe Text ohne Reiter die kommenden Termine, Gäste und Spektakel an (Dank gebührt mal wieder Carmen Sulzenbacher fürs Layout des Flyers und das T.o.R.-Logo hat immer noch Pascal-Anne Lavallée entworfen):

der t.o.r. flyer herbst 2011 T.o.R.-Logo (c) Pascal-Anne Lavallée Layout (c) Carmen Sulzenbacher

Und hier noch einmal in der Textversion für alle unserer Fans, die kontrastschwache Bildschirme oder unterkorrigierte Fehlsichtigkeit haben oder die keine Menschen, sondern Suchmaschinen sind:

* DO 08.09. mit Patrick Salmen (Wuppertal)
* DO 13.10. mit den PreisträgerInnen des 4. T.o.R.-Jugend-Literaturpreises
* DO 10.11. mit Franziska Holzheimer (München)
* DO 08.12. mit Barbara Hundegger (Innsbruck)

Schon bei der Erstlektüre wird klar, dass unsere Abteilung für Große Pläne für die Zukunft, Einladungspolitik und Vierterminsplanung mal wieder nicht Schmalhans Küchenmeister hat sein lassen, oder wie das heute wohl heißt: geil abgeliefert hat und so bleibt uns doch bitte gewogen, wir werden es auch bleiben und die ganzen Details bekommt ihr dann immer jeweils just in time ins Browserhaus geliefert.

Zum Saisonabschluss biologisch-orale Invasionen: das war T.o.R. im Juni!

frankm kloetgen

Es begann knallhart und schonungslos: Martin Fritz setzte sich dem Bernhard Thomas auf den Kopf, suhlte regelrecht im spärlich gesäten Haar des Jahresjubiliars und begann derart hart gepolstert und hoch zu Roß, bzw. Autor, eine verschlungen-verworrene Wortkaskade rauswuchernd als Eröffnung in den rappelvoll mundoffen und spitzohrig angefüllten Hexenkessel des Moustache‘ zu posaunen, die von Epi- und Neophythen handelnd der sehr zu empfehlenden Ausgabe Numero 17 des Quart‘ (das sei dem werten Publikum als Sommerlektüreempfehlung nochmals vehement aufs Herz gepflanzt!) entnommen ist. Da sich diese Gewächsgattungen durch Einschleusung, Etablierung im invadierten Gebiet und anschließender gnadenloser Ausbreitung hervorheben, können wir uns einerseits als Lesebühne mit Drang zu Tirol-, bzw. Welteroberung durchaus mit diesen floralen Haderlumpen anfreunden, andrerseits tauchte Bernhard etwas später auch in Prossers Text auf, und es fragt sich, wer da wen als Parasiten im Nacken sitzen hat (apropos, kann sich noch jemand an die glibbernd-wabbelnden Gehirnsauger aus Futurama erinnern?), doch das ist eine andre Geschichte, nämlich von Eidechsen, Troubadouren und allen voran von Jean-Claude Van Damme, sowie dessen Symbolgehalt für die Wachauer Weingegend.

robert prosser und frank klötgen

Allein aufgrund der Auftrittsskizzierung dieser beiden Vortragenden des geschichtsträchtigen Juniabends mag ersichtlich werden, wie naturschwanger es nicht war, ja, es war tatsächlich so, als würde jemand in einen Löwenzahn pusten, derart unzählig entfalteten sich Ideen, Geschichten und Spinnereien dem zahllos erschienen Publikum, so, als würde eine auf Almwiesen rumlümmelnde Habergeiß beherzt in eine Pusteblume blasen, um dem hochdeutschen Duktus verpflichtet auf den Stargast hinzuweisen, der in seiner rhetorischen und textlichen Vielfalt der Lesebühne genug Platz böte, an ihm pickend allen Vieren Inspiration und wahres Können zu vermitteln: Frank Klötgen. Der Writer in Residence nicht nur des Monats Juni, sondern auch der Universität der Stadt am Inn bot einen Hummelfluch betitelte Adaptierung von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow, dessen ausschwärmender Musikwirbel, der hin und her schwirrend loopingdrollig Hummellegionen heraufbeschwört, von Klötgens Kunstfertigkeit noch gesteigert wurde, da dieser in der Manier alter Meister Text, Stimme und Melodie verbindend einen Klassiker unsrer Zeit erschuf. Koschuh wiederum brachte einen Lobgesang auf Martin Fritz dar, der als eigentlicher Urheber aller jemals auf Lesebühnenbrettern vorgetragenen Textwelten entlarvt wurde, solange sich diese in Innsbruck befinden und unterm TextohneReiter-Label galoppierend Wurzeln in willigen Ohren schlagen. Überhaupt geizte der gesamte Abend nicht damit, enthüllend Skandälchen zu offenbaren, so kam etwa ans mittlerweile rauchlose Spelunkenzwielicht, dass sämtliche Beteiligten den zweiten Vornamen Maria tragen, und Stefan Abermann unternahm endlich einen Angriff auf die österreichische Unart der feuilletonistischen Gefälligkeit, die zahnlos vor sich hin maulend kaum Kritik gewohnt ist, und erteilte einer abfälligen Rezension des Debütromans in der Tiroler Tageszeitung eine geharnischte Antwort. Diese fiel durchformuliert unschlagbar aus, die vereinte Kraft der Lesebühne zeigte gegenüber dem Goliath-Ungetüm des Moser-Holding Imperiums jene Respektlosigkeit, die den Untergrund auszeichnet, schier veredelt (Stichwort: Ruhefaust), und ob man es glaube oder nicht: das alles geschah nur in der ersten Hälfte.

frank klötgen, spiegelung und publikum, und das alles in einem bild

Die zweite wurde sogar noch besser, hitziger, geladener, die Lesebühnenakteure hatten sich gerade mal warm gesprochen: Abermann eröffnete mit einem Märchen, dass in unregelmäßiger Abfolge auf seiner Website mitzulesen sein wird (eine aufgefuchster Marketingnerd ist er ja, unser Abermann, von der andren Hälfte des charmanten Moderationsduos Fritz gerne auch als Wammemann bezeichnet und an Jelineks Neid-Roman geschult), Koschuh rauchte fake und zur Schau, gab Kostproben seines schauspielerischen Talentes und jenes zu Schüttelreimen (Exzerpt: sie fuhr mit dem Bus bis nach Hietzing, weil sie mit dem Piercing am Sitz hing), Prosser beackerte das Spannungsfeld von Marathonlauf/Kunst/Versagensängsten/Dehnübungen, und legte noch eine weitere Textprobe aus Quart #17 drauf, eine Art Schimpftirade wegen touristischer Auswüchse im Tiroler Unterland unter besonderen Verweis auf Arthur Koestler, und Fritz erzählte abschließend von Tigercharakteristiken und Assi-Eichhörnchen, deren einzig annähernd sinnvoller Beitrag zur Gesellschaft der Eichhörnchenkäse ist. Dazwischen und als Zugabe ragte erneut Frank Klötgen ins Lesebühnenfirmament, von vier Kometenschnuppen umkränzt erstrahlte dieser Fixstern und erzählte, sämtliche Navis im Raum aufgrund der eruptiven Sprachballung in hellste Aufregung versetzend, vom Knutschen mit der Bassistin, dem Glück der Sachbuchautoren und von deren monetären Paradieswelten. Er wirbelte Gedichte unter anderem von Schiller durch den Lyrikmixer, ließ den Zauberlehrling Goethes mutieren und spannte sich wallewalle den Weimarer Klassikschmus vor den Karren, wuselte flink wie Wachauer Smaragdeidechsen durchs Gras zwischen reinen und unreinen Reimen, und die Applauskaskaden, die darauf folgten, ließen aufgrund ihrer Lautstärke und Vehemenz selbst die derzeit wildgewordenen Sonnenflecken schüchtern flackern und zittern. Es gab also viel Bewegung, Flora und Fauna an diesem unvergesslichen Abend, es waren sprühende Momente sprießender Sprachkunst, die das Warten bis zum Ende der Sommerpause schwer werden lassen, aber da müssen wir gemeinsam durch, nach der Saison ist vor der Saison, wie uns Didi Constantini mal während eines Workshops oder Probetrainings zugeflüstert hat, wir bedanken uns noch bei Güle G. Lerch und Thomas Schütte für die charmant-überzeugenden Open Mics, hoffen, dass uns beide mal wieder beehren, wir gedenken schaudernd diesem wilden, schier bacchanalischen Saisonabschluß, haarscharf den Balanceakt zwischen Rockstar und Poet meisternd stehen wir am Donnerstag, den 8. September 2011 um 20:00 Uhr erneut an der Bühnenkante des Moustache, wir werden schwadronieren, schwitzen und ins Licht der Scheinwerfer blinzeln, denn seien wir ehrlich: es geht wirklich immer nur um die nächste Show, deren Performanz Präsenz in Mischkultur ist.

und damit verabschieden wir uns in die sommerpause - bis zum nächsten t.o.r. am do 8. september 2011 verbleiben wir mit dem protipp: niemals in unbekannte gewässer springen, beckenrandspringen nur wenn der badewaschel nicht hinschaut und nach jeder mahlzeit zehn stunden nicht ins wasser